VERSTEHEN…

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Was macht die wohl die ganze Zeit? Auf dem Feld da? am PC? Es könnte mir ja egal sein, ob die sich über mich wundern. Aber wenn ich weiß, dass Andere die ganze Zeit sehen, was ich mache, wenn sie sagen, dass ich ja viel arbeite und so spät immer und überlegen, ob alles ok ist, ob ich noch was brauche und wenn mich dann jemand fragt, ob ich hier alles anschaue und Berichte schreibe die ich der deutschen Regierung bringe und wie viele Notizen ich auf meiner Reise schon gemacht habe – dann bin ich nicht ganz entspannt und achte schon drauf, wie ich mich verhalte und versuche, zu erklären, dass sie verstehen, was ich mache.

 


„Jeder Mensch ist Botschafter seines eigenen Landes“, hat mir mal meine Schwester gesagt. Ich kann mich und wie es bei uns ist allerdings oft nicht erklären, schon gar nicht, wenn ich irgendwo nur kurz vorbeikomme. Kann ja keinen Vortrag halten (der zudem eh nicht viel helfen würde). Keine Orangen, keine Erdnüsse wachsen in D.? Bei den Bussen gibt es keine „Apprentis“?? (Busfahrerhelfer, die hinten auf dem Trittbrett mitfahren und lautstark Fahrgäste zusammentrommeln und abkassieren). was, du willst dunkle Haut? wo ist dein Geld? … Und weniger Interesse für das, was ich tue/was mir wichtig ist als für den Inhalt meines Wachbeutels und dafür, ob ich Kinder habe, einen Mann, warum man bei uns nicht unbedingt heiraten will, ob ich keinen senegalesischen Mann will, ob ich kochen und tanzen kann, ob ich „djai fonde“ (einen dicken Hintern) und Perlenkettchen darum habe, ob ich jemand oder sein Kind mit nach Deutschland nehmen kann, ob der Senegal schön ist, oder Deutschland schöner, ob es in Deutschland Reis mit Fisch oder Erdnüsse oder Esel gibt…. äh, Bio-Landwirtschaft?

Ich bin müde. Und frage mich, in wie weit kann ich einfach nur anschauend vorbeigehen, fleckenhafte Eindrücke von Europa hinterlassend, ohne immer wieder zu erzählen. Schwierig, auszuhalten, nicht verstanden zu werden und nicht zu verstehen. Schwierig, aufzuhören, zu fragen, zu erklären, einfach nur mit zu schwimmen.

Das geht mir in der Stadt, in Dakar, anders. Da erscheint mir das Denken – oberflächlich zumindest – viel „europäischer“. Deshalb ist es wie eine Erholungs-Insel für mich. Auch was Essen und Privatsphäre-haben angeht. Da kann man untertauchen, es gibt andere Weiße. Trotzdem bin ich froh, wenn ich ins Dorf zurückkomme, da ist es irgendwie echter. Und wenn sie vielleicht auch nicht verstehen, was ich mache, verstehen sie doch, wie ich es mache. …Verstehen, macht glücklich, merke ich mal wieder, indem ich Wolof lerne (aus meiner Familie können nur 3 Französisch).

Auch wenn der Umgangston für mich unglaublich laut und grob ist, hat die ganze Redens- und Umgangsweise vieles Wunderschöne, das gerne importieren würde. Die Kinderaugen, die Lachgesichter. Freudige, heftige Ausrufe oder feierliche, schöne Ausdrücke ! so wie die Menschen eben auch aussehen! Ich bin zutiefst beeindruckt und froh, hier zu sein, wo das Leben an sich – ganz offensichtlich – nicht zur Nebensache wird.



Eine Antwort to “VERSTEHEN…”

  1. Ann Waters-Bayer Says:

    Liebe Helga,
    Es ist wirklich interessant, auf dieser Weise verfolgen zu können, wie es dir in Senegal geht. Wir freuen uns umso mehr auf deinen Bericht beim Agrecol-Treffen im Walsertal.

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