Tokoram Maloum

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Eine besonders große Herausforderung meiner Zeit in Guedé war es, sich in meine neue, jegliche Dimensionen sprengende Familie zu integrieren: Bei den Brüdern Oumar und Ifra Sow, ihren jeweils zwei Frauen Fatimata, Kadjata, Nené und Aissata Oumar; deren unzähligen Kindern, an die 30; anderen Kindern und Jugendlichen aus der Verwandtschaft, die in Guedé die höhere Schule besuchen. Und, ganz wichtig, Maloum Haby Djeo, „la vieille“ (= „Die Alte“, was dort aber als Respektsbekundung zu sehen ist), Mutter von Oumar und Ifra, aber auch von Mariam und Mamadou Amadou Sow, die bei ENDA Pronat arbeiten.

Ein kleiner Teil der Familie Sow in Guedé

Manchmal war es nur schwer zu verstehen, und auch zu ertragen, in so eine riesige Familie „gesteckt“ zu werden, sich erst seinen Platz darin suchen zu müssen. Keine Privatsphäre zu haben. Oft von niemandem verstanden zu werden. Mit unausgesprochenen Erwartungen konfrontiert zu werden. Winke mit Zaunpfählen, die man sieht, aber nicht einordnen kann.Und immer die Gratwanderung zwischen Anpassung und Wahrung der Identität.

Nachts wurde der Hof vor den 2 Häusern mit Matratzen unter Moskitonetzen gepflastert, in den mit Wellblech gedeckten Häusern kann man wegen permanenten Schweissausbrüchen einfach nicht zur Ruhe kommen, und mein Rucksack stand im Wohnzimmer, das ebenso als Versammlungsraum der lokalen Anhänger der Regierungspartei, der Grundschullehrer (deren Direktor Oumar war) und ansonsten der Kinder und Jugendlichen des Viertels vor dem dort stehenden Fernseher genutzt wurde.

Rama fegt nach dem Essen die Reisreste von unserem Hof

Essen mit der Hand aus einer großen Schüssel mit dem Frauen. Gang zur „Freiluft-Dusche“ – wie ziehe ich mich dafür an? Und zum Plumsklo (und fragende Blicke wenn ich dorthin Toilettenpapier anstatt der bunten Wasserkanne mitnehme).Die Beobachtung, dass mein gutgemeinter Vorsatz, eine Aufgabe am Tag im Haushalt zu erfüllen – morgens den Hof zu fegen, nach dem Mittagessen den Reis, der auf die Matten danebengefallen ist, zu den Schafen zu bringen, Wasser schöpfen- zwar von manchen gelobt wird, von anderen aber auch gerne missbraucht wird: Eines Mittags, als nach dem Freitagsgebet viele Gäste in der Familie waren, sagte eine meiner „Mütter“, Aissata Oumar vor meinen Kollegen: „Los, feg‘ den Reis weg!“ – Verliere ich durch meine teilweise Annahme einer Frauenrolle (und als junge,unverheiratete Frau, eine der weniger Geachteten) meine Autorität?!!

Die Forderung von Ifra, ich solle abends um 7 zu Hause sein, bevor die Sonne untergeht – alles andere sei „nicht sicher“. Von Lamine, einem sehr gläubigen und traditionellen Landwirt, mit dem wir viel zusammenarbeiten, und der mir auf weiten Fußmärschen erklärte: Natürlich ist es nicht gefährlich bei uns. Aber eine junge unverheiratete Frau ist abends in der Dämmerung nicht auf der Straße. Du weisst, wegen den jungen Männern…

Meine kleinen Brüder, die mich frech fragen: „Was machst Du denn hier? Warum bist Du noch nicht zu Hause?“ wenn ich abends doch noch etwas an der Boutique kaufen will. Siebzigjährige, die einen auf Pulaar fragen, ob man nicht ihre dritte Frau werden will. Da muss man schon einige Strategien und vor Allem viiiieeeel Humor entwickeln, um damit klar zu kommen…

ABER: Nach Monaten habe ich die weise Entscheidung von Mariam Sow, mich in ihrer Familie bei Oumar unterzubringen zu würdigen gewusst… Meine Familie mir geholfen, mich einzuleben, und einen Platz in der Gesellschaft des Dorfes zu finden. Für andere Menschen war ich ein Teil dieser sehr geachteten Familie, uns somit zu einem gewissen Grad „unantastbar“. Manchmal, wenn mich Menschen unhöflich angesprochen haben, etwas von mir wollten, mir zweifelhafte Angebote machten und ich ihnen auf Pulaar erklärte, dass meine Familie, das Haus Amadou Booly Sow, sicher nicht damit einverstanden wären, entschuldigte man sich sogleich. Und: eine Frau wohnt einfach nicht alleine. Vermutlich hätte ich mit Schaaren von ungewünschten Besuchern vor meinem Zimmer kämpfen müssen…

Maloum Haby Djeo, meine Tokora

Erster Schritt in meine Integration war meine Namensgebung nach Maloum, la vielle dame de la maison. Denn jedes Kind und jeder „Neuankömmling“ in der Gesellschaft erhält den Namen eines Namensvetters, „Tokora“, der dann ganz bestimmte Funktionen in seinem Leben innehat und neben den Eltern auf eine ganz besondere Weise für seinen Paten verantwortlich ist.

Und auf meine Tokora, eine sehr alte, weise, geachtete Frau, die jeden Morgen von wichtigen Personen aus der Stadt besucht wurde, war ich natürlich besonders stolz. Auch wenn ich befürchte, dass sie manchmal nicht ganz zufrieden mit mir war… Aber, sie nahm auch kein Blatt vor den Mund und beklagte sich wenn ich nicht ihren Vorstellungen entsprach, und nicht jeden Tag bei ihr vorbeikam um sie zu grüßen und einen Löffel von ihrem angerührten Milchpulver kostete!

3 Antworten to “Tokoram Maloum”

  1. Matthias Says:

    nun, liebe Verena, deine Berichte werden immer lebendiger. Das liest sich wirklich gut. So ähnlich müssen es auch schon die ersten Afrikareisenden mit Einfühlvermögen erlebt und geschildert haben. Sicherlich sind dies unvergessliche Momente im interkulturellen Zusammenleben.

  2. Harouna Sow Says:

    Liebe Verena,

    ich bin ein Enkel Deiner Tokora und bin heute zufällig auf diesen Bericht gestossen. Meine Großmutter, Deine Tokora, ist heute morgen im Haus meiner Mutter, ihrer Tochter Mariam Sow, in hohem Alter verstorben. Ich dachte, daß Du das sicher wissen willst.

    Alles Gute

    Harouna Sow

  3. Verena Says:

    Lieber Harouna,
    vielen Dank für deine Nachricht. Bitte richte mein Beileid auch ihren Kindern Mariam und Mamadou sowie Oumar und Ibrahima und ihren Frauen aus, ich habe auch versucht, sie über Jörg zu kontaktieren. Malum war eine sehr besondere Person und ich war sehr stolz darauf, dass sie meine Tokora war. Ich war immer von ihr beeindruckt, wie angesehen sie überall war. Ich mochte vor Allem, wenn sie von früher erzählt hat, besonders über Fouta und über ihre Hirsefelder.
    Ich wünsche Dir und eurer Familie alles Gute!
    Verena

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