Dokumentieren in der Praxis

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Pojo

Die Zeit fliegt dahin und und schon ist es bald ein Monat her, dass wir die erste Dokumentation in dem Landkreis Pojo 200 km von Cochabamba entfernt durchgeführt haben. Die Planung derselben und die Kommunikation innerhalb von AGRECOL Andes und mit den lokalen Partnern stellten mich manches mal auf eine Geduldsprobe, da Abmachungen und organisatorischen Dingen in der Vorbereitung nicht besonders viel Beachtung geschenkt wurde – Schade aber auch Lehrreich!

Im Ende sind wir von AGRECOL Andes zu zweit in den kleinen Ort namens Pojo gefahren. Umgeben von den Bergen des Hochlandes in einem fruchtbaren Tal gelegen verspürt man auf diesem verschlafenen Fleck Erde eine Zeitlosigkeit frei von Hektik und Zeitplänen, die die Arbeit sehr prägen.

 

Koloniale Häuserfront auf dem Dorfplatz

Dorfkirche

Dorfplatz

Gerade wurde die Abschlussfeier der Schulabsolventen gefeiert. Dazu wurden wir natürlich eingeladen und bis spät in die Nacht war auf den, durch den Regen schlammigen Gassen viel betrieb. In einem Hinterhof verbrachten wir in geselliger Runde den Abend: Ein Festmal mit Kochbananen, Maniok, Huhn und Reis wurde verspeist und im Anschluss das typische Ritual des Chicha – Trinkens  vollzogen: Auf dem Tisch ein Plastikeimer voll mit dem vergorenen Maisgetränk  und einige Trinkgefäße aus Kalabasse. Diese werden immer wieder gefüllt und in der Runde weitergereicht. Man wird unumgänglich zum trinken genötigt! Erst nach etlichen Runden konnte ich zu verstehen geben, dass mein Magen diesen fremdartigen vergorenen Trunk in Mengen nicht verkraftet. Etwas verstimmt wurde ich darauf hingewiesen, dass die Menschen hier respektvoll seien und die Kultur akzeptieren. Da wir uns in einer geselligen Runde befänden, solle ich doch bitte wenigsten noch ein bisschen mehr trinken…

Eine typische Mahlzeit (und immer wieder Reis und Kartoffeln)

Am nächsten Tag brachen wir dann zusammen mit den zwei netten Technikern der lokalen Organisation und einem theoretischen Konzept sowie einem Programm für einen Dokumentationsworkshop im Gepäck auf in eine kleine Siedlung auf über 3000m üNN. Dort bekamen wir die Möglichkeit in einer kleinen Schule zu übernachten, da bereits die Sommerferien begonnen hatten. Die Schule besteht aus einem großen Klassenzimmer, welches in einer sehr wenig einladenden dreckigen Unordnung auf uns wartete! Welch ein Vorbild für die Grundschulkinder, die dort täglich unterrichtet werden.

Nachtlager in der Schule im Nirgendwo mit Beamer und interessanter Doku (Nach ausgiebiger Aufräumaktion)

Am nächsten Tag kamen dann die eingeladenen Bauernfamilien und einige Vertreter der lokalen Syndikate und Regierungen. Letztere hatten wir eingeladen, um die wichtigen lokalen Entscheidungsträger einzubeziehen und ihnen die Innovationen näher zu bringen, damit diese beginnen, sich für die Wichtigkeit zur Unterstützung der nachhaltigen Landwirtschaftlichen Produktion und den dokumentierten Innovationen einzusetzen. Den Tag verbrachten wir dann mit verschiedenen Aktivitäten in Gruppen und im Plenum. Es wurden Zeichnungen von den Höfen der Teilnehmer angefertigt und die Entwicklungsprozesse der Einführung von neuen Landwirtschaftspraktiken in Form von Flussläufen graphisch dargestellt. Weiter wurden produktionsbedingte, soziale, ökonomische und kulturelle Schwierigkeiten und Fortschritte der Kommune sowie die positiven Einflüsse der dokumentierten Neuerungen darauf herausgearbeitet.

 

Teilnehmer in Aktion

Skizze eines Hofes

Gruppenarbeit

Da für die Teilnehmer diese Art von partizipativen Aktivitäten neu war und die Bauernfamilien (auch Frauen und Kinder waren bewusst eingeladen worden) durch die Anwesenheit der „Autoritäten“ etwas eingeschüchtert schienen, war die Beteiligung besonders der Frauen eher gering. Ich merkte während dieses Tages, wie schwierig es ist, die theoretischen Ideen der partizipativen Methoden zu vermitteln und den Prozess gezielt zu begleiten, sodass auch dokumentationsrelevante Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden können. Die Zahl der Teilnehmer war unerwartet hoch, sodass viele Gruppen gleichzeitig betreut werden mussten.

 

Die Gruppe

Am nächsten Tag war ich dann auf einmal zusammen mit einem der beiden lokalen Kollegen allein und wir fuhren zu einem entfernen Hof, wo wir mit ähnlicher Vorgehensweise zusammen mit zwei Familien die Dokumentation zu einem neuen Erntesilo vollzogen. Da wir eine kleine Gruppe waren und die Landwirte sich auf ihrem Territorium befanden, ergaben sich intensive und produktive Momente mit viel Beteiligung und es gab die Möglichkeit, dass die Landwirte direkt vor Ort mit einer Kamera ihre Neuerungen dokumentieren konnten.

 

Arbeitsplatz direkt am Eingang des neuen Silos

Skizieren mit mehreren Generationen

Auch kulturell bedingt geringe Beteiligung der Frauen

Die Gruppe

Insgesamt waren diese Tage sehr lehrreich und haben gezeigt, dass es kein leichtes ist, eine theoretische Methode in die Praxis umzusetzen und dass es notwendig ist, sich an bereits vorhandenen Methoden zu orientieren. Auch hat sich bestätigt, dass viel Praxiserfahrung zur Anleitung von partizipativen Methoden notwendig ist!

Die Zeit vergeht im Fluge und es bleiben noch sechs Wochen, um die Methode zu verbessern, zwei weitere Dokumentationen durchzuführen und das Material zu ordnen, zu selektieren und in eine Form für ein kleines Handbuch / Zeitungsartikel zu bringen.

3 Antworten to “Dokumentieren in der Praxis”

  1. Stefanie Frank Says:

    Was für ein Unterschied zu dem Geo- Heft, das ich gerade über Peru und Bolivien lese…..die Touristenrealität und die echte; ich bin stolz auf Dich mein Lieber und sehr begeistert.
    Bis bald, un beso

  2. Uwe Rustenbeck Says:

    Hey! Finde es immer wieder spannend Deine Berichte zu lesen. Ich hoffe dass Du das Chica gut überstanden hast – hört sich ja echt heftig an! 😉
    Viele Grüße,
    Uwe

  3. Wolfgang E. Witter Says:

    Hallo, Markus Frank,
    Wie ich es verstehe ist der Gedanke der Organisation, in der Du arbeitest, die Hilfe zur Selbsthilfe; mit dem Bestreben regionales, alt hergebrachtes Grundwissen der bäuerlichen Bevölkerung zu vernetzen und mit den neuen Erkenntnissen des ökologischen Anbaues zu ergänzen. Nach meinem Verständnis ist es Deine Aufgabe, die Kontakte mit den Betroffenen zu knüpfen. um die zuvor erwähnten Fakten umzusetzen.

    Ich kann mir vorstellen, dass diese Aufgabe nicht immer ganz einfach ist . (Konservatives Denken in der Landbevölkerung und andererseits naive Fortschrittsgläubigkeit so meine ich zu wissen, ist nicht national begrenzt.) Meine Erwartungen an Deine Arbeit mit den dazugehörigen Berichten hast Du übertroffen: Danke!!!

    Ich bin begeistert und hoffe, dass Dein Engagement den Menschen, mit denen Du in Kontakt gekommen bist, mehr Segen bringt als manche kommerziell-technologische Entwicklungshilfe der Industriestaaten je gebracht hat.

    Wolfgang E. Witter

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