Saalamaalekum! – Erste Eindrücke aus meinem Praktikum bei Agrecol-Afrique

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Seit gut zwei Wochen bin ich nun im Senegal. Die ersten Eindrücke sind vielfältig; herzliche, offene Menschen, geschäftiges Treiben in den Strassen, Hirse- und Erdnussfelder soweit das Auge reicht, Gebetsgesänge, Berge von Abfällen, usw. begleiten mich hier in meinem neuen Leben.
Die ersten Tage habe ich in der Stadt Thiès, dem Sitz von Agrecol-Afrique, verbracht. Agrecol-Afrique ist eine senegalesische Nichtregierungsorganisation, welche die Vermittlung und Anwendung ökologischer/biologischer Landwirtschaftspraktiken im Senegal sowie in Westafrika fördert. Bei meiner Ankunft wurde ich vom Direktor Djibril Thiam und seinem Team sehr herzlich empfangen und in das Projekt des Aufbaus von Ausbildungszentren, bei denen ich mitarbeiten werde, eingeführt. Aktuell sind zwei solcher Zentren im Senegal im Aufbau, welche das Ziel verfolgen, ökologische/biologische Landwirtschaftspraktiken systematischer und praxisbezogen zu vermitteln. Eines dieser Ausbildungszentren befindet sich in Ndiédieng (Departement Kaolack), das andere in Séssène (Departement M’bour). Bis anhin wurden von Agrecol-Afrique sowie weiteren Organisationen zwar bereits verschiedene Bildungs- und Beratungsprogramme gestartet, jedoch mit weniger kontinuierlichen Massnahmen, wie dies mittels der Etablierung dieser Formationszentren langfristig der Fall sein soll. Nebst dem Projektiniitianten Agrecol-Afrique sind mittlerweile vier weiter Akteure in das Projekt der Formationszentren eingestiegen. Zu diesen gehören:

  • AgriBio Service
  • FENAB (Fédération nationale de l’agriculture biologique)
  • RENOLSE (Réseau des organisations de lutte contre la soudure et l’endettement)
  • SOLEIL (Solidarité écologie innovation locale).
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Grobe Einteilung der Landwirtschaftszonen (A. Le Fur Cartographie, 2000)

Seit gut einer Woche bin ich nun im Dorf Ndiédieng, einem der zwei Ausbildungszentrumstandorte, welches knapp 30 km südlich der Stadt Kaolack liegt. In Kaolack misst die jährliche Niederschlagsmenge durchschnittlich knapp 800 mm, wobei praktisch die gesamte Menge auf die Regenperiode genannt zwischen Juli und Oktober entfällt. Dieses Jahr ging die Regenperiode in dieser Region bereits im September zu Ende. Das geographische Zentrum Senegals wird auch „bassin arachidier“ (Erdnussbecken) genannt, welches sich jedoch aufgrund der Wanderung der 800 mm-Isohyete zunehmend Richtung Süden bewegt. Der nördliche Teil des Landes hingegen, in welchem grösstenteils extensive Viehwirtschaft betrieben wird, fällt unter die agronomische Trockengrenze (ca. bei 400 mm-Isohyete).

Fährt man hier über’s Land, erstrecken sich zwischen losem Baumbestand schier endlose Ebenen an Erdnuss- und Hirse-Monokulturen, wobei ein jährlicher Fruchtwechsel zwischen Leguminose- und Getreideart erfolgt. In dieser Region Senegals wird praktisch nur Regenfeldbau betrieben, wobei sich die landwirtschaftliche Produktion zunehmend intensiviert und auf wenig diversifizierte Anbaukulturen während der Regenperiode konzentriert. Ziel ist es, mittels biologischer Landwirtschaft der zunehmenden Degradation der Ressourcen entgegen zu wirken und multifunktionale Strategien zu entwickeln, welche eine nachhaltige, ganzjährige kleinbäuerliche Ernährungs- und Einkommenssicherheit gewährleisten.

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Erdnussernte erfolgt von Hand, mittels zweier Stöcke werden die Hülsenfrüchte von den getrockneten Pflanzenresten getrennt. Nebst Fisch und Phosphaten stellen Erdnüsse eines der wichtigsten Exportgüter des Senegals dar.

Mit Mbaye, einem der Brüder von Djibril Thiam, mache ich mich zweimal täglich auf ins «Centre Agroécologie Baye Niass» (benannt nach einem islamischen Marabout aus Kaolack), welches sich etwas ausserhalb von Ndiédieng, umgeben von Erdnuss- und Hirsefeldern befindet. In diesem soll in baldiger Zukunft Aus- und Weiterbildung in biologischen Landwirtschaftspraktiken, agrarökologische Forschung sowie Beratung möglich sein.

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Standort des „Centre agroécologique Baye Niass“ in Ndiédieng, welches sich auf die Vermittlung von Kompetenzen in ökologischem Gemüse – und Getreideanbau, Viehhaltung sowie Saatgutproduktion konzentriert.

Mittlerweile wurde die Mauer um die knapp 2 ha grosse Fläche fertig gestellt, welche dann zu Demonstrationszwecken verschiedener Anbaupraktiken biologischen Landbaus sowie Tierhaltung/-zucht genutzt werden kann. Bis anhin hat sich Mbaye grösstenteils alleine um die Bewirtschaftung der Fläche gekümmert, da im November die Mehrheit der Klein-bauerfamilien mit der Ernteinbringung beschäftigt ist. Meine Hauptaufgaben bestehen darin, die Erfahrungen der Aufbauarbeiten der Bildungszentren zu dokumentieren, beim Entwerfen der Pläne der Zentren sowie bei der Ausarbeitung der Formationstypen und Module ökologischen Landbaus mitzuarbeiten.

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Erste Gemüsebeete (im Vordergrund Okra-Pflanzen) wurden auf der Fläche des Zentrums angelegt.

Zusätzlich zu den zwei grossen Baobab/Affenbrotbäume sowie den Dutzend Mangobäume, die bereits auf der Fläche wachsen, hat Mbaye weitere Bäume (Zitronen-, Clementine-, Orangen-, Cashewbäume usw.) gepflanzt. Wir verbringen den Tag damit, die Fläche von Gestrüpp zu befreien, Gemüsebeete anzulegen, in denen wir Tomaten, Gombo, Auberginen, Paprika, Zwiebeln usw. anpflanzen, jäten Unkraut usw.  Bewässert wird dank des naheliegenden Wasserreservoirs von Hand, wobei wir momentan dran sind Drainaige-Gräben zwischen den Okrapflanzen zu graben. Das Gärtnern macht mir sehr viel Spass, Vogelgezwitscher begleitet uns und glücklicherweise bringt der Harmattan (ein trockener teilweise staubbeladener Wind) oft etwas Abkühlung.

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Mbaye am Unkraut jäten im Paprika-Beet.

Letzte Woche konnte ich mir zudem zusammen mit der Koordinatorin der Organisation SOLEIL einen ersten Einblick verschaffen, wer in diesen Formationszentren einmal weitergebildet werden soll. SOLEIL setzt sich vorrangig für lokale, nachhaltige Ernährungs-sicherheit vulnerabler Bevölkerungsgruppen im ruralen Raum ein. Wir besuchten Mitgliederversammlungen der vier Dörfer Ndiobene Sérere, Keur Niéne Sérére, Ndiagane und Thissè (alle im nahen Umkreis von Ndiédieng), in welchen sich solidarische Gemeinschaften, vorrangig aus weiblichen Mitgliedern bestehend, zusammengeschlossen haben, um biologischen Gemüseanbau zu betreiben. Da hier auf dem Land kaum französisch gesprochen wird, versuche ich täglich meinen Wolof-Wortschatz (Wolof ist die am häufigsten verbreitete der sechs offiziellen Nationalsprachen Senegals und wird praktisch von allen Ethnien Senegals verstanden) zu erweitern. Mehr zum Landleben, den eindrücklichen Begegnungen mit Menschen und Kulturen hier in einem nächsten Eintrag.

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Dorf Thissè

3 Antworten to “Saalamaalekum! – Erste Eindrücke aus meinem Praktikum bei Agrecol-Afrique”

  1. Ann Waters-Bayer Says:

    Sehr schön, deinen Blog zu lesen, Lynn. Ich bin gerade aus Ghana zurückgekehrt, wo Djibril auch am Prolinnova-Workshop in Legon/ Accra teilgenommen hat. Es sagte mir, er hat den Eindruck, dass du dich sehr gut in das Leben und die Arbeit in Senegal integrierst und sogar anfängst, Wolof zu lernen. Viel Spaß bei deinem Praktikum!

  2. Jochen Currle Says:

    Liebe Lynn,
    vielen Dank für die lebendigen Eindrücke! Auch die Beschreibung der Niederschlagsverteilung und Anbaustruktur ist richtig interessant. Bin gespannt auf weitere Neuigkeiten aus Senegal. Weiterhin viel Spaß beim Gärtnern und Lernen.

  3. Matthias Görgen Says:

    Liebe Lynn,
    dein Bericht liest sich sehr gut und weckt Interesse, mehr von deiner spannenden Arbeit und dem Lebensumfeld zu erfahren. Auf alle Fälle scheint der Ansatz ja sehr praxis-orientiert und relevant für die Frauen in der Gegend des „Centre de formation“ zu sein. Viel Erfolg und weiter viel Spaß bei deinem Aufenthalt im Senegal.
    Matthias

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