Terre de teranga – angekommen im Land der Gastfreundschaft

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Die teilweise minutenlang andauernden Begrüssungen, die aus sich wiederholenden Fragen nach dem Wohlergehen aller Familienmitgliedern bestehen, die Toubab-Rufe (mit dem Ausdruck «Toubab» werden hier oft Personen europäischer Abstammung/Weisse bezeichnet), wenn ich irgendwo auftauche, duschen mit einem Eimer Wasser, essen aus einer Schüssel mit mindestens einem halben Dutzend anderer Leute, fernsehen und Gespräche über Gott und die Welt unter Sternenhimmel – ein kleiner Teil von dessen, was zu meinem Alltag geworden ist.

Seit gut einer Woche bin ich nun zurück in der Stadt Thiès, wo ich zwar einige Annehmlichkeiten zu schätzen weiss und im Büro von Agrecol-Afrique vertieft an meinen Aufgaben weiterarbeiten kann, gleichzeitig meine Gastfamilie und das beschauliche Dorfleben vermisse. Dank der wunderbaren Gastfreundschaft, die mir in Ndiedieng zuteil wurde, fühlte ich mich ins senegalesische Alltagsleben, trotz teilweiser Verständigungsschwierigkeiten, gut integriert.  Der Mehrgenerationen-Haushalt meiner Gastfamilie sowie die etlichen Verwandten und Freunde, die oft zu Besuch sind, haben zwar oft mein Namensgedächtnis strapaziert und Beziehungskonstellationsverständnis (Polygamie sei Dank) gesprengt, gleichzeitig habe ich dieses gesellige Zusammensein sehr geschätzt. Praktisch unser gesamtes Leben zuhause hat sich im grossen Innenhof unter einem schattenspendenden Mangobaum abgespielt. Dort wird auf Feuerstelle und Gaskocher stundenlang Essen zubereitet, Tee getrunken, Radio gehört, diskutiert, Kleider gewaschen, Erdnüsse geschält, Hibiskusblütenkelche getrocknet…

An den Wochenenden begleitete ich die Frauen meiner Gastfamilie jeweils auf ihrer täglichen Einkaufstour auf dem Dorfmarkt und wurde anschliessend in die senegalesische Kochkünste eingeführt. Meist haben wir Ceebu jen (Reis mit Fisch und Gemüse  – Senegals National- und glücklicherweise mein Lieblingsgericht hier – ja mein Vegetarierdasein wurde hier zwischenzeitlich auf Eis gelegt) oder Mafé (afrikanisches Erdnussgericht mit Reis) zubereitet,  während abends ein etwas weniger aufwendiges Hirse-Couscous mit Blattgemüse, Niebebohnen oder ähnlichem gespeist wird, was bei den meisten etwas weniger beliebt ist, aber auch nicht schlecht schmeckt. Haushalt und Erziehung sind nach meinen Beobachtungen vollständig in Frauenhand, wobei auch den Kindern ab einem gewissen Alter klare Aufgaben zugeteilt sind, während den Männern traditionell die finanzielle Verantwortung obliegt. In der Landwirtschaft sieht man grösstenteils Frauen, die sich um den Anbau kümmern, Felder bestellen und Marktstände betreiben. Westliche Lebensmodelle sind jedoch gerade durch das Fernsehen ziemlich präsent und liefern viel Gesprächsstoff. Meine anfänglichen Bedenken, ob man ohne Weiteres über vermeintlich heikle Themen wie  Gleichberechtigung, Polygamie, arrangierte Ehen usw. sprechen kann, haben sich durch die Offenheit meiner Gesprächspartner rasch verflüchtigt. Überhaupt sind die Menschen sehr kontaktfreudig und man wird schnell mit mehr oder weniger ernst gemeinten Fragen überhäuft, woher man kommt, was man für einen Eindruck vom Senegal hat, ob man verheiratet ist bzw. einen Senegalesen heiraten möchte, ob man kochen kann, denn auch das bereits erwähnte Couscous essen würde und und und.

Auf den Feldern hat sich indes die Erntezeit dem Ende zugeneigt. Ich konnte ein paar Mal zum Ernten mit auf die Felder meiner Gastfamilie. Verkürzte, niederschlagsarme oder unregelmässige Regenperioden  und zunehmende Degradation der sandigen Böden, welche bereits anfangs der Trockenperiode praktisch schutzlos Erosionsprozessen ausgeliefert sind, führen den Abwärtstrend der Ernteerträge fort. Zudem trägt der Anbau von Erdnuss, die zwar noch immer eine Haupteinkommensquelle darstellt, deren Preise jedoch einem Abwärtstrend folgen,  kaum zur Ernährung der lokalen Bevölkerung bei. Der Grundstein dieser Entwicklung wurde während der Kolonialzeit im 20. Jahrhundert  gelegt, als sich die  Erdnuss mit ihrem viermonatigen Wachstumszyklus zu einem der wichtigsten Exportgütern des Senegals durchgesetzt und die Subsistenzproduktion von Hirse, Mais, Bohnen usw. zurück gedrängt hat. Obwohl über drei Viertel der senegalesischen Erwerbstätigen im Agrarsektor tätig sind, werden viele Nahrungsmittel des täglichen Gebrauchs wie Reis oder Weizen mehrheitlich importiert. Und auch auf dem Land scheinen unterschiedliche Welten aufeinander zu treffen, so bin ich immer wieder zu Besuch in einfachen Lehmhütten mit Strohdach, ohne Elektrizität und Wasseranschluss gesessen, wo dreimal täglich Couscous gegessen wird, während die reicheren Dorfbewohner Häuser aus Beton und oft sogar einen Fernseher besitzen, wovor sich abends ein Dutzend Leute versammeln.

Gastfreundschaft sowie ausgeprägter Solidaritätsgedanke haben mich vom ersten Moment an berührt. Es wird bedingungslos geteilt, Gutes wie auch Schlechtes. Während meiner ersten Tage im Dorf hat ein benachbarter Mathematiklehrer, der im Dorf unterrichtet, zu mir gesagt, «Weisst du, hier im Senegal sind wir alle ein bisschen Psychologen. Deine Freuden wie auch Probleme sind auch die meinigen». Dieses sprichwörtliche Zusammenrücken hinterlässt einen bleibenden Eindruck und es erscheint mir oft so, als verstehen sich wildfremde Senegalesen auf Anhieb. Eine Vertrautheit, die über den eigenen Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis hinausreicht, ist spürbar. So nehme ich aus meiner Zeit in Ndiedieng viele gute Erinnerungen an die Zeit beim Gärtnern, doch vor allem den eindrücklichen, intensiven Austausch mit meiner Gastfamilie mit.  Ausserdem konnten wir im Ausbildungszentrum-Projekt die ersten Okra-Schoten ernten und es wurde ein junger Mann für die Weiterarbeit am Gemüsegarten angestellt.

4 Antworten to “Terre de teranga – angekommen im Land der Gastfreundschaft”

  1. Matthias Görgen Says:

    Liebe Lynn,
    Der Bericht ist sehr schön geschrieben und das teilnehmende Leben im Dorf anschaulich dargestellt. Ich wünsche dir weiterhin eine gute und erfahrungsreiche Zeit im Senegal.
    Herzliche Grüße und bonne année 2017,
    Matthias

  2. Almut HAHN Says:

    Liebe Lynn,
    mit Vergnügen habe ich deinen Bericht gelesen, dass du dich so gut in Senegal einlebst. Ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen, wenn ich ab 12. Januar wieder dort bin. (Ich werde dort manchmal „die Grossmutter von AGRECOL“ genannt. ) Tel. 77 615 24 39.
    Herzliche Grüsse,
    Almut Hahn

  3. Ann Waters-Bayer Says:

    Dein Bericht aus Senegal ist wirklich interessant zu lesen, Lynn. Ich schickte ihn auch an Almut, die gerade jetzt in Deutschland ist, und sie schrieb zurück „ein sehr erfreulicher Bericht, danke! E guets Neus, herzlich Almut“. Sie wird ab dem 10. Januar wieder zuhause in Fandène in der Nähe von Thiès sein und hofft, dass du sie dort besuchen kannst. Alles Gute während deiner verbleibenden Zeit in Senegal und wir freuen uns darauf, bei einem Agrecol-Treffen nach deiner Rückkehr viel mehr über deine Erfahrungen zu hören und zu sehen. Für heute wünschen wir (Wolfgang, Sibylle und ich) dir einen guten Rutsch!

  4. Jochen Currle Says:

    Liebe Lynn,
    vielen Dank für das Teilen Deiner Beobachtungen und Deines Erlebens. Es ist sehr spannend zu lesen und ich freue mich sehr darüber, wie offen Du an das völlig Neue und Andersartige in Deiner Umgebung heran gehen kannst. Ist ja sicher nicht immer einfach.
    Eine gute Zeit und auf mehr aus Senegal.
    Jochen

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