Tuna, Trucha und Titicaca

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Nach knapp zwei Monaten meines Praktikums im Herzen Boliviens fühle ich mich hier in Aiquile schon fast wie zu Hause. An die Präsenz von Kartoffeln, Mais und knochigem Fleisch in jeder Mahlzeit habe ich mich gewöhnt. Und auch mal trucha (Forelle) zu probieren und damit einen Schritt in Richtung carnivor zu wagen, wie sich hier die Bolivianer nennen, wenn ich sage, dass ich Vegetarierin sei, scheint mir langsam ganz plausibel. Von der Vielfalt an Früchten und Gemüse bin ich nach wie vor begeistert. Nicht zu Letzt dank dem Entdecken der tuna, der Kaktusfrucht. Tunas werden vorsichtig mit einem Messer oder einem langen Ast mit Dorn geerntet, mit einer Bürste von den Stacheln befreit und dann vorsichtig geschält. Die orange, und am Morgen herrlich kühle Frucht ist eine wahre Erfrischung an einem Tag in der Wärme der bolivianischen Anden.

Die Zeit über Weihnacht und Neujahr wurde von meiner Arbeitsgruppe bei Familie und Freunden als Ferien verbracht. So habe auch ich mir eine Auszeit gegönnt und durfte weitere wunderschöne Flecken von Bolivien entdecken. Nebst dem Lago Titicaca, dem Nationalparkt Toro Toro und der hübschen Stadt Sucre habe ich auch einige Tage im Agroforstprojekt von Noemi Stadler-Kaulich in der Nähe von Cochabamba verbracht.

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Lago Titicaca, beeindruckende Wassermasse an der Grenze zu Peru

Angekommen in der Mollesnejta, wie sich die Liegenschaft von Noemi nennt, fühlte ich mich umgeben von Vogelgezwitscher in der angenehm schattigen Umgebung wie in einem anderen Land. Die Mollesnejta bildet eine kleine Oase am Fuss der Gebirgszüge, die Cochabamba einkesseln. Aufgrund der vielen Bäume, welche dort systematisch gepflanzt werden, ist die Bodenfeuchtigkeit deutlich höher als auf den benachbarten Äckern und lässt auch bspw. Fruchtbäume wachsen, welche isoliert vertrocknen würden. Doch auch die Parzelle von Noemi trägt deutliche Spuren der Trockenheit – sogar Pinien sind aufgrund dem letztjährigen Ausbleiben der Regenzeit abgestorben. Der wenige Regen, der bisher gefallen ist bietet Anlass, die Setzlinge, welche vertrocknet sind, durch neue zu ersetzen. Es bleibt nur zu hoffen übrig, dass die Setzlinge dieses Jahr einen besseren, sprich nasseren, Start ins Leben haben werden. Nach welchen Prinzipien in der Mollesnejta Bäume gepflanzt werden, wurde ja bereits in einem früheren Blog ausführlich beschrieben, weshalb ich hier auf eine detaillierte Ausführung verzichte. Jedenfalls hat es mich sehr beeindruckt, wie grün und lebendig die Mollesnejta wirkt, und welch grossen Einfluss die Bodenbedeckung und Beschattung auf die Bodenqualität und somit das Pflanzenwachstum hat.

An meinen letzten beiden Tagen in Mollesnejta durften wir Besuch von Thomas Lüdert und Bernd Müller empfangen. Die beiden Deutschen, welche seit Jahren in Tamera (Portugal) Wasserretentionsprojekte realisieren und ihr Wissen via Beratungen und Kursen weitergeben, haben Vorschläge für das Wassermanagement auf Noemis Farm aufgezeigt. Es war sehr beeindruckend, direkt im Feld zu hören und sehen mit welchen technischen Massnahmen das wenige Wasser, welches fällt, optimal gespeichert und aufgefangen werden kann.

Beeindruckt und mit einem Kopf voller neuen Ideen und vielen Eindrücken geht es nun weiter mit meinen Projekten in Aiquile. Nach einigen langen Sitzungen und Planungssessionen können wir nun mit dem Projekt «ECO Tienda» loslegen. Ziel dabei ist es, am 18. Februar einen Laden zu eröffnen, wo ausschliesslich ökologisch zertifizierte Produkte und Gemüse verkauft wird. Zudem wollen wir am gleichen Tag auch einen neuen Verkaufspunkt im Hauptmarkt von Aiquile eröffnen, wo jeweils samstags saisonales Gemüse von den SPG-zertifizierten Bauern verkauft werden. Mit diesen beiden neuen Verkaufspunkten soll es der Asociación ASOACOM möglich sein, ihre Produkte direkt an die Konsumenten zu verkaufen und ein zusätzliches Einkommen für die Familie zu generieren. Bis zur Eröffnung unseres Ladens ist jedoch noch Einiges zu erledigen. Nur schon um eine Genehmigung für eine Eröffnung des Ladens zu erlangen, ist man hier gut mal einen Tag unterwegs. Erstmal die richtige Person der alcaldía (Bürgermeisteramt) finden und dann noch die Unterschriften der Präsidenten einholen, welcher weit weg vom Dorf auf ihrem campo weilen.

Nebst den Vorbereitungen für die Eröffnung der «ECO Tienda» geht es auch bei den Zertifizierungen der SPG fleissig weiter. In den letzten Tagen waren wir in den comunidades Tabla Mayu und Cha’qo K’asa unterwegs und haben die evaluadores unterstützt, indem wir einige Parzellen von Landwirten evaluiert haben. Die Unterschiede von den besuchten Parzellen waren enorm. Einige Landwirte haben Bewässerungssysteme für ihre Chirimoyabäume, Terrassen und trichterförmige Steingebilde um die Fruchtbäume herum, sodass das wenige Wasser besser zu den Wurzeln geleitet wird. Auf anderen Parzellen muss man die wenigen Maisschösslinge zwischen dem Unkraut und den Steinen suchen, Abfall liegt rum und von einer vollen Lagune in der Nähe kann nur geträumt werden. Doch gerade bei Parzellen, wo keine grosse Diversität und spezielle Einrichtungen für das Wassermanagement oder den Erosionsschutz des Bodens eingerichtet sind, wird dann beim plan de mejoramiento besonders auf die Implementation von neuen technischen Massnahmen geachtet.

Ich empfand die Evaluationen als sehr spannend, da sie mir einen direkten Einblick in die Bewirtschaftungsweise boten und auch soziale Faktoren sowie die ökonomische Situation des Betriebsleiters ansprachen. Einzig die Sprachbarriere liess wohl einige Finessen verloren gehen. Auf dem Land wird Spanisch zwar verstanden, aber Antworten und Erklärungen werden grösstenteils auf Quechua gegeben. Dank dem Übersetzen von meinen Arbeitskollegen ist die Kommunikation mit den Leuten auf dem Land aber doch irgendwie möglich. Doch spätestens, wenn zu jeglicher Uhrzeit ein Teller mit mindestens 5 Kartoffeln, mote (grosse, weichgekochte Maiskörner) und einem Salat mit rohen Zwiebeln und Kabis serviert wird, ist jegliche kulturelle oder sprachliche Barriere gebrochen.

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Papas, mote und das obligate Stück Fleisch – dies ist jedoch nicht das Mittagessen, sondern eine halbe Portion als Nachschub um 4 Uhr Nachmittags

 

Bei unseren Besuchen in den comunidades haben wir in den letzten Tagen unseren Pick-Up jeweils mit Notlieferungen an Saatgut beladen. Aufgrund des letztjährigen Ausfalls der Regenzeit, blieb die Ernte von vielen Produkten aus und somit konnte auch kein Saatgut von den eigenen Kulturen nachgenommen werden. Die international tätige Organisation HEIFER, welche sich für die Hunger- und Armutsbekämpfung einsetzt, hat für den Cono Sur einerseits Saatgut von verschiedenem Gemüse zugesprochen. Andererseits sollen bald noch Wassertanks in jede comunidad geliefert werden. Dadurch kann wenigsten an einem Treffpunkt in der comunidad ein Wassertank installiert werden, von welchem dann mehrere Familien das wertvolle Nass beziehen können.

 

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Verteilung des Saatguts in der comunidad Lagunita

Um unseren Besuch in einer comunidad anzukünden, wird jeweils via des lokalen Senders «Radio Esperanza» eine Kommunikation gemacht. Jeder Haushalt besitzt einen kleinen Umhängeradio, welcher praktisch den ganzen Tag läuft und auch auf den langen Weg ins Dorf stets mitgetragen wird.  Und dass dieser Kommunikationsweg via Radio funktioniert, zeigte sich letztens, als wir bei unserer Ankunft nur zwei geduldig wartende Landwirte vorfanden. Sie liessen uns dann wissen, dass die Uhrzeit für das Treffen diesmal in der Durchsage leider nicht erwähnt wurde.

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Wohlbehütete Schafherde

Momente wie heute, wo ich im Kreis von 16 coca-kauenden Kleinbauern sitze, gespannt den quechua-Erklärungen über die Zertifizierung des SPG lausche, die filigranen grasenden Schafe in der Ferne beobachte und dann den kreisenden Kondor in der Höhe erspähe, lassen mich eine unglaubliche Faszination und Dankbarkeit spüren. Einerseits für die Zufriedenheit und Grosszügigkeit inmitten der bescheidenen Lebensweise auf dem Land und andererseits für die Möglichkeit, für eine Weile Teil ebendavon sein zu dürfen.

Über Schwierigkeiten und Fortschritte der beiden Projekte werde ich baldmöglichst in meinem Blog wieder berichten.

Und fast vergessen: Am vergangenen Samstag hatten wir in Aiqule Besuch vom Präsidenten Evo Morales Ayma. Zur Fertigstellung der asphaltierten Strasse von Aracaya über Misque bis nach Aiquile, welche 146.6 km misst und 88.7 USD gekostet hat, kam der hermano Evo höchstpersönlich nach Aiquile und wurde von den lokalen Politikern bedankt und gelobt. Die asphaltierte Strasse trägt merklich zur Integration des departamentos Cochabamba in den Handelswege vom Norden nach Süden des Landes bei. Die Schar, welche sich in der brühenden Nachmittagssonne versammelt hatte und von weit herkam, jubelte dem Präsidenten mit Fahnen und Musik zu. Ein farbiger, lauter und schlicht eindrücklicher Moment auch für mich.

 

3 Antworten to “Tuna, Trucha und Titicaca”

  1. Ann Waters-Bayer Says:

    Vielen Dank für diese sehr interessante Beschriebung deiner Tätigkeiten in Bolivien, Tamina, und auch für die schönen Bilder!

  2. Claudia Heid Says:

    Hallo Tamina,
    ich bin grad per Zufall auf deinen schönen und interessanten Bericht gestossen.
    Ich bin Claudia Heid, auch eine alte AGRECOLerin und seit 2 Monaten in Mizque, also im Nachbarmunizip von Aiquile und ganz in deiner Nähe, als Entwicklungshelferin der GIZ und würde mich freuen, wenn wir uns bald treffen und kennen lernen könnten.
    Was bei euch in Aiquile bzg. Ökoproduktion und -vermarktung läuft, ist ganz spannend für Mizque.
    Mein Handy; 71471637

  3. Matthias Görgen Says:

    Merci für diese anschauliche Beschreibung der Situation der ländlichen Bevölkerung in der Projektregion. Es gefällt mir sehr gut, wie du als teilnehmende Beobachterin deine Eindrücke beschreibst. Ich bin schon gespannt auf den nächsten Bericht.

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