Einige Steine auf dem Weg…

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Mit viel Energie und Tatendrang sind wir ins neue Jahr gestartet. Doch in den letzten beiden Wochen haben sich so einige Schwierigkeiten ans Licht begeben. Unsere Pläne für die «ECO Tienda» können wir deswegen nur zögerlich in die Tat umsetzen. Doch zugleich sind wir auch dabei, die Zertifizierungen der SPG in neuen comunidades im Munizip Pasorapa einzuführen. Dort sind wir auf viel Interesse gestossen und haben mit den neuen evaluadores deren bevorstehende Arbeit besprochen und sie darauf vorbereitet.

Unser Plan mit der «ECO Tienda» der asociación ASOACOM wurde leider etwas auf Eis gelegt, da sich die Direktive der asociación nicht sehr kooperativ zeigt. Zudem fehlt es an Finanz- sowie Humankapital. Daher haben wir die Weiterplanung für den Laden auf März verschoben. Wie wir dieses eine Projekt etwas eingestellt haben, ergab sich aber eine neue Möglichkeit für die Frauen der ASOACOM die Landwirtschaftsprodukte zu verarbeiten. In Totora, wo ebenfalls Ökoprodukte transformiert werden, darf die lokale asociación APRAE ab diesem Schuljahr ein gesundes Frühstück für die Schüler zubereiten. Da die APRAE Unterstützung braucht, um den Bedarf für 3000 Schüler zu decken, wurden wir angefragt, sopas instantáneas für die Schüler vorzubereiten. Also haben wir bald darauf mit einer ersten Runde von Produkteentwicklung für die sopa de quinua con maní begonnen. In der Suppe sollen verschiedene getrocknete Gemüse und Kräuter, quinua, maní (Erdnüsse), jerky (getrocknetes Fleisch) und Kräuter enthalten sein. Wir haben uns dann also ans fein Schneiden und Trocknen der Zutaten gemacht. Dank der starken Sonne hier konnten wir innerhalb eines Tages die Gemüsewürfeli trocknen und dann einen ersten Prototyp der Suppe herstellen – und natürlich degustieren. Weiters sind wir dabei, eine Auflistung der enthaltenen Nährwerte zu machen, um diese Informationen dann ebenfalls weiterzugeben. Nach Erhalt eines Feedbacks werden wir unseren Prototypen verfeinern und die Zutaten allenfalls anpassen um das Produkt zu verfeinern und gleichzeitig die Produktionskosten möglichst tief zu halten.

Mit der Transformation von Früchten beschäftigten wir uns in Quinori, einer abgelegenen comunidad in den Hügeln von Pasorapa. Dort ist die Aprikosenzeit herangerückt. Doch aufgrund der Trockenheit reifen die Früchte nur schlecht. Nichtsdestotrotz haben wir in einem Workshop erklärt und gezeigt, wie Aprokosenkonfitüre und eingelegte Aprikosen hergestellt werden. Das gemeinsame schälen, aufkochen und dann das vorsichtige Abfüllen hat allen Teilnehmenden Spass gemacht. Erfreut waren die Aprikosenbaumbesitzer dann auch über das gelungene Resultat. In der Hoffnung auf etwas reifere Früchte werden wir uns in 2 Wochen nochmals treffen, um dann eine grössere Menge an Aprikosen in haltbare Produkte zu transformieren. Längerfristig sollen die Produkte aus Quinori ebenfalls verkauft werden. Da sich in der Nähe kein Markt befindet, könnte ein möglicher Verkaufsort der Markt in Aiquile sein.

Zudem werden in den beiden comunidades von Pasorapa (Quinori und Seibas) bald auch Zertifizierungen für die SPG durchgeführt. Um die Landwirte darauf vorzubereiten, habe ich zusammen mit Don Mario und einem weiteren Praktikanten, Victor Riquelme, die fünf Dimensionen der ökologischen Landwirtschaft und den Prozess, sowie Vorteile der Zertifizierung vorgestellt.

Für alle Leute aus den comunidades von Aiquile fand Ende Januar ein Workshop über Buchhaltung statt. Dieser wurde von einer externen Wirtschaftlerin geleitet. Die Grundsätze und Hintergedanken des Workshops waren sinnvoll und wichtig zu kennen. Doch für die Quechua-sprechenden Teilnehmer waren die Erklärungen auf Spanisch oft unverständlich und der thematische Inhalt zu weit weg von ihrem Alltag auf dem Land. Dieser Workshop hat gezeigt, wie wichtig es ist (wäre), den Hintergrund und die Bedürfnisse der Teilnehmenden zu kennen und darauf aufzubauen und damit weiterzuarbeiten. Für mich war dies insofern eine gute Erfahrung, da ich als Aussenstehende mit den Teilnehmern sowie den Leitern des Workshops kommunizieren konnte, um die zwei Tage etwas zu reflektieren. Auch wenn der Lerneffekt für einige nicht sehr gross war, hatten alle Leute von weit her während den zwei Tagen zumindest gesund gegessen. Die ASOACOM hatte nämlich apí de quinua und buñuelos als Frühstück, turrónes de amaranto und galletas de maíz mit refresco de linaza als Zwischenverpflegung und ein Teller voll Poulet, Reis, Kartoffeln und Salat als Abendessen serviert.

Mit den Evaluationen von Parzellen für die SPG konnten wir in den letzten Wochen auch viel erreichen. Um die evaluadores zu unterstützen, durfte ich mit Don Mario 6 weitere Betriebe evaluieren. Die Arbeit direkt mit den Landwirten gefällt mir sehr und lässt mich auch während den Betriebsbegehungen stets viel über die Techniken der andinen Landwirtschaft lernen. Mit der Zeit ist auch bei mir schon langsam Routine aufgekommen und ich fühle mich meinem Fragebogen schon so vertraut, dass sich die Gespräche von anfänglicher Interview-Form zu lockeren Gesprächen über den Betrieb entwickeln, und ich schlussendlich auch so alle nötigen Informationen dokumentiert habe.

Ein allgegenwärtiges Thema, ob bei den Evaluationen, beim Einkaufen auf dem Markt oder bei einem Schwatz auf der Strasse ist die Trockenheit. Wo im November noch Hoffnung auf Regen bestanden hatte, wurde diese nun definitiv von der brennend heissen Sonne zerstört. Der Mais, das Grundnahrungsmittel der Leute auf dem Land, ist grösstenteils vertrocknet. Auch wenn jetzt noch Regen fallen würde, wäre es ausgeschlossen, dass sich die kniehohen Pflanzen, welche normalerweise zu dieser Jahreszeit schulterhoch sein sollten, noch erholen werden. Für die Bewässerung gibt es kaum Wasser in den Wasserdämmen und auch das Flussbett gleicht einer Steinwüste. Nach dem letzten Jahr, wo die Regenzeit ausblieb, ist die Situation nun wirklich für viele Leute bedrohend. Sätze wie: «Voy a vender todos los animales… si no, van a morir de hambre.» Oder: «De que vamos a vivir?» werden mir mit traurigen Augen ins Gesicht gesagt. Man sieht nicht mehr viel Hoffnung, denn so schlimm wie jetzt sei es seit 30 Jahren nicht mehr gewesen. Als Lösung bekomme ich oft nur den Wegzug oder das Suchen einer anderen Arbeit in der Stadt zu hören.

Die Situation der Leute hier bedrückt mich sehr. Oft wird mir das Leid geklagt. Und obwohl ich den Leuten gut zureden möchte, bleiben mir häufig die Worte aus. Notlieferungen an Saatgut, Tanks und Wasserdämme nützen alle nichts, wenn der Regen nicht kommt und dem Boden die langersehnte Feuchtigkeit schenkt.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so werden wir weiterarbeiten und Methoden aufzeigen um das wenige Regenwasser das fällt, zu speichern, den Boden durch Bedeckung zu schützen und den Pflanzen die nötigen Nährstoffe durch Biodünger zuzuführen.

Und zum Schluss noch einen kleinen Kultur-Exkurs: In der ersten Februarwoche war hier in Aiquile die Entrada de la Virgen Candalaria. Mit einem bunten und lauten Einzug von verschiedenen fraternidades (zu vergleichen mit unseren Schweizer Guggenmusigen) wurde die Festwoche am 1. Februar eröffnet. Es wurde getanzt und gesungen, gelacht und gesprungen und natürlich ganz viel chicha (vergorener Maissaft & Nationalgetränk auf dem Land) getrunken. Weiter ging es dann mit Stierkampf und noch mehr Musik. Jeden Tag wurden Stiere aus den comunidades ins Dorf geführt, mit einem geldgefüllten Halsband geschmückt und dann in die Arena geschickt. Dort warteten bis zu hundert tapfere Männer auf den richtigen Moment, dem Stier das Halsband abzuziehen und das darin enthaltene Geld zu kriegen. Ein wahres Spektakel, dass viele die Verzweiflung und Trauer über die Trockenheit zumindest für einen Moment etwas vergessen liess.

 

2 Antworten to “Einige Steine auf dem Weg…”

  1. lisa mamitta Says:

    Eindrücklich und interessant was Land und Leute bewegt….danke Tamina

  2. Matthias Görgen Says:

    sehr schön und anschaulich geschrieben mit viel Empathie für die schwierige Situation der Menschen in der Region. Deine Blog-Einträge sind auch sehr informativ. Weiter so liebe Tamina und noch viele schöne Erlebnisse.
    Herzliche Grüße von Matthias

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