Tout passe…

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Letzthin, als ich auf der Rückkehr ins Dorf Séssène in einem der „car rapide“ (bunt bemalte Kleinbusse, übrigens alles andere als schnell unterwegs) sass,  meinte mein Sitznachbar im Gespräch, was mich denn in diese staubige Gegend verschlagen hätte und nach meinen Erklärungen führte er fort, man müsse wohl schon sehr viel Sinn in seiner Arbeit sehen, um dafür in diesen eher abgelegenen Orten unterwegs zu sein. Die Aussage hat mich, gerade jetzt wo sich mein Praktikum bei AGRECOL Afrique (AA) zu Ende neigt, sehr nachdenklich gemacht. Es gibt immer wieder Momente, wo ich das Gefühl habe, mich sinnvoll einbringen zu können und andere, wo mich teils aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren (zu sehr) in die Beobachterrolle gewiesen fühle.

Die letzten Wochen waren jedoch sehr inhalts- und abwechslungsreich. Nach meinem Dorfaufenthalt in Ndiédieng konnte ich im AA-Büro in Thiès vertieft an der Planung des Ausbildungsprojekt weiterarbeiten. Dieses nimmt langsam Form an, erste Entwürfe des Syllabus, der Situationspläne und Aktivitäten wurden besprochen und überarbeitet. Am Business- und Kommunikationsplan wird noch geschliffen. Geplant sind bis anhin drei aufeinander aufbauende Blockkurse, die die gesamte Wertschöpfungskette abdecken, von biologischen Anbau- und Viehhaltemethoden bis hin zur Kommerzialisierung biologischer Produkte. Der erste Blockkurs befasst sich mit den Grundlagen des Biolandbau’s und nachhaltiger Ressourcennutzung im Allgemeinen, führt in die Bodenfruchtbarkeit, die Ernährung und Schutz der Pflanzen und in die bioloigsche Viehhaltung, Umstellung auf Biolandbau und Weiteres ein. Dieses Modul ist für Einsteiger in den Biolandbau gedacht, beispielsweise wie die solidarischen Dorfgemeinschaften des Projektes SOLEIL (Solidarité écologie innovation locale), mit deren mehrheitlich weiblichen Mitgliedern ich mich anfangs meines Praktikums den umliegenden Dörfern von Ndiédieng austauschen konnte. Diese Akteure bringen bereits sehr viel Praxiswissen mit, welches sich durch Inputs aus der biologischen Landwirtschaft vertiefen lässt. In einem zweiten Kurs ist eine Spezialisierung in einer der vier Richtungen biologischer Anbau von Gemüse oder Feldfrüchten, Agroforstwirtschaft oder Viehhaltung möglich. Hier soll während mehrtägigen, sich ergänzenden Theorie- und Praxismodulen und den Bedürfnissen und Voraussetzungen der Teilnehmenden entsprechend möglichst individuelle Vertiefungsmöglichkeiten geboten werden. Auch die Möglichkeiten der Transformation landwirtschaftlicher Produkte und die Erschliessung lokaler Märkte werden aufgegriffen. In einem dritten Kurs werden die vorher behandelten Themen nochmals kurz aufgegriffen und daraufhin primär Vermarktungsmöglichkeiten und Prozesse der Kontrolle und Zertifizierung biologischer Produkte, behandelt.

Da vor Ort eine Infrastruktur mit Gemüse- und Heilpflanzengarten, Ackerbau, Agroforstwirtschaft und Viehhaltung geplant ist, können beispielsweise verschiedene Bewässerungs- und Wasserkonservierungs-, Erosionsschutzmethoden demonstriert und selber angewendet werden. Bei der Programmausarbeitung wird versucht, so gut wie möglich nach dem „mode d’élaboration participative des programmes enseignement“ Rechnung zu tragen und alle (potentiellen) Projektbeteiligten in dessen Ausarbeitung einzubeziehen.

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Blick auf die Umgebung des Centre Mampuya

Um einen besseren Einblick in Ausbildungsprogramme des Biolandbaus im Senegal zu erhalten, konnte ich eine Woche lang dem Projekt SAHEL VERT im Centre Mampuya beiwohnen, welchem unter anderem auch AA als Partner beisteht. Dieses seit 2001 bestehende Ökozentrum liegt an der Petite Côte in der Nähe des Fischerdorfes Toubab Dialaw und ist von einer rund 30 ha grossen, wiederaufgeforsteten Schutzzone umgeben. Seit anfangs Dezember werden dort erstmalig junge Erwachsene in ein- bis zweijährigen Studiengängen, inklusive mehrmonatigen Praktika, zu Fachpersonen in biologischem/ökologischem Landbau ausgebildet.

Ich konnte in dieser Woche aktiv beim Vorbereiten und Durchführen der Module mitarbeiten. Themen wie beispielsweise Bodenfruchtbarkeit oder verschiedene Stufen der Kompostierung wurden nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch im Feld besprochen. Für mich war der Austausch mit Teilnehmenden sowie Lehrkräften sehr bereichernd und ich bin sehr begeistert von diesem Projekt.

Zurück in Thiès konnte ich eine Woche lang einem Weiterbildungsseminar der AA-Mitarbeitenden teilnehmen. Dieses wurde vom ehemaligen Koordinator Herrn Souleymane Bassoume auf sehr motivierende Art geleitet. Hintergrund war, dass sich aus Gesprächen mit verschiedenen Mitarbeitern herauskristallisiert hat, dass in der Planung der Begleitung der Produktionsflächen der Kleinbauern Verbesserungsbedarf besteht. Dies zeigt sich beispielsweise auf dem wöchentlichen Biomarkt von AA in Thiès, dessen Angebotsvielfalt immer wieder zu wünschen übrig lässt, obwohl die Produktion vieler Gemüse mit verschiedenen Sorten ganzjährig möglich wäre. Nebst vielen hilfreichen Praxisbeispielen und Rechenaufgaben, gab das Seminar genügend Raum für spannende Inputs und Austausche. Ein Satz, der mir besonders geblieben ist, war: „La première richesse d’une ONG sont ses compétences humaines.“

Was die Arbeit von AA primär ausmacht, ist Verständnis für die Denkwelten der Partner und Vermittlung von Wissen und Know-How und an diesen lässt sich beidseitig ein Leben lang dazulernen. Dies zeigt sich  beispielsweise auch an den Aktivitäten von AA in und um Séssène, wo auch einer der Standorte des bereits erwähnten Ausbildungsprojektes, an dem ich arbeite, geplant ist. In den Gemeinden von Séssène und Sandiara begleitet AA seit 2008 Kleinbauerfamilien und ist vor allem im Bereich Selbsthilfeökonomie aktiv. Vier Strategien, die „Calebasse de Solidarité“ (solidarische Gemeinschaften), die „Convention contre le Gaspillage“ (Konventionen gegen die Verschwendung), die „Champs collectifs“ und „Greniers collectifs“ (kollektive Felder und (Getreide)speicher) tragen dazu bei, ganzjährige Nahrungssicherheit und einkommengenerierende Tätigkeiten zu fördern. Diese helfen besonders die Periode der sogenannten „Soudure“  (Zeit zwischen dem Aufbrauchen der letzten Reserven und dem Beginn der nächsten «Ernte», im Senegal üblicherweise zwischen Juni-September) zu überbrücken. Bei den Calebasse de Solidarité schliessen sich Dorfbewohner, vornehmlich Frauen, zu solidarischen Gemeinschaften zusammen und erstellen einen gemeinsamen Fond an finanziellen Mitteln. Einmal wöchentlich treffen sich alle Mitglieder und werfen anonym einen selbst gewählten Beitrag in die Calebasse ein.

Eine „Trésorière“ (Schatzmeisterin) verwaltet das Geld und hat jemand Bedarf im Ernährungs-, Gesundheits- oder Bildungsbereich kann er bei der Sekretärin einen zinslosen Kredit beantragen. Ein Drittel des Fond kann damit für sogenannte solidarische Kredite in Umlauf geraten und wird nach einer abgesprochenen Dauer zurückbezahlt. Mit den zwei anderen Drittel des Gesamtguthabens können individuelle oder kollektive „petit-commerce“ (Kleinhandel) betrieben werden. Ein freigewählter Beitrag des Gewinns wird zusätzlich zum ursprünglichen Beitrag wieder an die Gemeinschaft zurückbezahlt. Dies ermöglicht den Frauen ein eigenes Einkommen zu generieren, ohne sich bei Banken oder privat zu verschulden. Durch den zinslosen Kredit nach Konsens abgesprochenen Lauffristen und dem Solidaritätsgedanken, einen etwas höheren, jedoch immer freiwillig und anonym gewählten Betrag zurück zu bezahlen, sind die Mitglieder unabhängiger von externen Geldquellen. Die Mitarbeiter von AA begleiten sie in den Anfangsjahren dabei und v.a. zu Beginn fliesst viel Zeit und Energie in Vetrauensaufbau und Sensibilisierungsarbeit. Nach und nach werden mehrere der vier oben genannten Strategien eingeführt und auf lange Sicht sollen die Gemeinschaften ohne AA’s Hilfe eigenständig weiter funktionieren.

Zudem wird einmal wöchentlich in einem der Dörfer dieses Einsatzgebietes ein Programm gegen Mangelernährung durchgeführt. Nebst Aufklärungsarbeit wird gemeinsam gekocht, die Kinder gewogen usw. Dabei wird besonders auch hinsichtlich des „versteckten Hungers“ sensibilisiert. Eine ausgewogenere Ernährung, aber auch die Diversifizierung der Landwirtschaft kann dazu beitragen, um den Bedarf an Mikronährstoffen (wie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe usw.) zu decken.

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Gemeinschaftlich zubereitetes Mittagessen „Dakhine“ (Reisgericht mit Erdnusspaste, getrockneten Fisch, Zwiebeln, Knoblauch Tomaten usw.)

Zudem habe ich es endlich geschafft bei Almut Hahn, einer der AGRECOL-Gründer/innen, auf ihrem Ökobauernhof in der Nähe von Thiès vorbeizuschauen. Wir konnten uns bei feinem Essen und Artemisia-Tee austauschen und ich durfte  bei ihr meine Reisebibliothek etwas aufstocken.  Und zu guter Letzt rundet Familienbesuch von daheim meine eindrückliche Zeit hier im Senegal ab.

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In den Strassen von St.Louis, der ehemaligen Hauptstadt Senegals 

Merci für Euer Interesse!

Eine Antwort to “Tout passe…”

  1. Matthias Görgen Says:

    sehr gut und anschaulich dargestellt ! Merci für die detaillierten und reflektierten Beschreibungen der praktischen Arbeit von Agrecol-Mitglieder-Afrique ! Es ist auch gut zu sehen, wieviel eine junge Europäerin in diesem ländlichen Kontext während des Praktikums bei Agrecol-Afrique an Lehrerfahrungen mitnehmen kann.
    Dieser interkulturelle Austausch fördert das gegenseitige Verständnis.

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