En Bolivia, todo es posible pero nada es seguro!

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Mein kleines nettes Dörfchen Aiquile nach vier Monaten zu verlassen fiel mir nicht ganz einfach. Viele spannende Arbeitstage auf dem Feld, Gespräche mit Landwirten, gemeinsames Essen, kulturelle Anlässe und Diskussionen über Natur- und Kulturunterschiede liessen mich das bolivianische Leben kennen, schätzen und lieben lernen. Das Sprichwort «in Bolivien ist alles möglich aber nichts sicher» beschreibt die Lebensweise und Kultur meiner Erfahrung nach sehr treffend. Als Gegenstück fand ich dann «in der Schweiz ist alles sicher aber nichts möglich» ziemlich passend. Im Folgenden möchte ich meine Eindrücke und Erfahrungen des letzten Teils meines Praktikums reflektieren.

Die Projekte mit der ASOACOM liefen leider nicht sehr zufriedenstellend weiter. Trotz eines neu gewählten Vorstandes ging die Aktenübergabe nur langsam voran. Die Thematik rund um neue Verkaufspunkte für die Öko-Produkte wie die «ECO Tienda» oder der zweite Verkaufsstandort am Hauptmarkt in Aiquile müssen erneut besprochen und vom neuen Vorstand befürwortet werden. Momentan befinden sich die neuen Verkaufspunkte also noch in einer Abklärungsphase. Obwohl die «ECO Tienda» nicht wie zu Beginn geplant während meines Praktikums eröffnet werden konnte, konnte ich mit der theoretischen Planung des Ladens, buchhalterischen Mitteln und einigen administrative Tätigkeiten Vieles für die Eröffnung zu einem späteren Zeitpunkt beitragen.

Nebst den Projekten für weitere Verkaufspunkte durften wir im Bereich der Produktion einige Fortschritte verzeichnen. Zum einen wurden die Frauen mit neuer kompletter Arbeitskleidung ausgestattet, welche einen höheren Standard an Hygiene garantieren. Zudem erhielt die ASOACOM eine Teigmaschine und einen halbindustriellen Ofen. Dank diesen beiden Maschinen können Brote und Kekse nun in grossen Mengen und innerhalb von kürzerer Zeit hergestellt werden.

Den neuen Maschinen wurde dann auch gleich Verwendung geschenkt. Für die Vorbereitung einer regionalen Messe von Öko-Produkten in Aiquile wurden Brote, empanadas, Kekse, Kuchen und turrónes gebacken. An der Messe präsentierten verschiedene Organisationen aus dem Gebiet der valles mesotérmicos von Cochabamba ihre Produkte und die Art, wie sie diese vermarkten. Dieser Austausch war sehr informativ und lehrreich. Nebst dem Erfahrungsaustausch wurde am folgenden Tag ein Praxisteil abgehalten, in welchem uns das Ausbildungszentrum TECSA (Tecnológico Superior Agroindustrial Aiquile) die Herstellung von leche de cucúrbita näherbrachte. Die Milch der cucúrbita wird aus den Kernen einer bestimmten Kürbissorte hergestellt und eignet sich als Alternative zu Kuhmilch. Abgesehen vom beträchtlichen Arbeitsaufwand erachte ich die mit Zimt verfeinerte leche de cucúrbita besonders auch für westliche Länder, wo Laktoseintoleranz und Veganismus zunehmen, als plausible Alternative.

 

Schon bald darauf stand ein weiteres wichtiges Treffen im südlichen Tarija an. Diesmal war es ein nationales Meeting der PLATAFORMA DE SUELOS. Die 1993 gegründete Plattform setzt sich für nachhaltige Landwirtschaft in allen Regionen von Bolivien ein und bietet Platz für den Austausch von Erfahrungen zwischen Agronomen, Experten, Landwirten und Projektleitern. Dazu unterstützt die vom deutschen Hilfswerk MISEREOR geförderte Verbindung die Erarbeitung und Umsetzung von politischen Massnahmen die agroecología zu stärken. An diesem 4-tägigen Treffen erhielt jede Region die Möglichkeit, ihre Produkte und deren Kommerzialisierung vorzustellen. Im Anschluss wurden dann die mitgebrachten Produkte an einer bioferia präsentiert und verkauft. Durch die vielen bunten Stände mit leckeren Produkten zu streifen, war für mich äusserst spannend. Ich konnte mit Kaffeeproduzenten vom trópico sprechen, Käse aus dem Hochland von La Paz probieren und mir die Herstellung von chuño (gefriergetrockneten Kartoffeln) aus dem kühlen Oruro erklären lassen.

Ein weiterer Teil des Treffens in Tarija war eine Exkursion auf Öko-Betriebe. Ich durfte ein Ausbildungszentrn in Emborozó besuchen. Dort werden Studenten im Bereich Ernährung, Transformation, Agronomie oder Buchhaltung ausgebildet. Im Ramen unseres Besuchs wurden wir durch die Versuchsanlagen geführt. Nebst Bewässerungssystemen, Hühnerhaltung und der Herstellung von Wein fand ich die cama de lombrizes (Wurmbetten) sehr interessant. Dies sind Betontröge, in welchen Würmer gezüchtet und später verkauft werden. Eine einfache und kostengünstige Methode um die Bodenqualität zu verbessern. Das Ausbildungszentrum hat mich auch aufgrund des sozialen Leitbilds beeindruckt. Um auch alleinstehenden Müttern eine Ausbildung zu garantieren, können diese direkt auf dem Campus wohnen. Die Kinder werden dann tagsüber betreut und können in der unterrichtsfreien Zeit bei ihren Müttern sein.

Dank diesem nationalen Treffen erhielt ich zum Schluss meines Praktikums einen wunderbaren Überblick über die Vielfalt von Produkten und Produktionsweisen in den verschiedenen Klimazonen von Bolivien, denn von feuchtwarmen Regenwald bis eisigkalten Schneegipfeln trifft man in diesem Land alles an.

Zurück in Aiquile galt es nochmals Workshops in den comunidades zu leiten. Zum einen erklärten wir, wie mit einfachen Materialien Fallen für die Fruchtmücke hergestellt werden können. Zudem organisierten wir einen Workshop über gesunde und ausgewogene Ernährung in der comunidad Seibas. Dabei galt es, auf einfache Weise, die Grundlagen einer gesunden Ernährung weiterzugeben. Um nicht nur Frontalunterricht zu erteilen, haben wir den Workshop interaktiv gestaltet, sodass alle Teilnehmer ein Produkt vorstellen und dessen Verwendung im Alltag erläutern konnten. Gemeinsam platzierten wir die Produkte dann in der Ernährungspyramide.

Als Austausch und Auftakt in die Amtszeit des neuen Präsidenten der ASOACOM trafen sich Landwirte, Agronomen, Experten und Praktikanten zu einem gemeinsamen Tag in der comunidad Lagunita. Ziel dieses Anlasses war es, den Austausch zu fördern und gemeinsam über die Weiterentwicklung der comunidad zu sprechen. Nach dem Besuch von exemplarischen Parzellen rundeten wir das Treffen mit einer k’oa ab. Dies ist ein traditionelles Ritual, in welchem Kräuter, Blüten und verschiedene Symbole aus Zuckerteig verbrannt werden. Jede anwesende Person übergibt der pachamama dann süssen Wein und singani (Traubenlikör). Diese Zeremonie wird bei verschiedenen Anlässen praktiziert, beispielsweise auch wenn jemand ein neues Haus bezieht oder ein Geschäft eröffnet. Das Treffen war für die Landwirte sowie wie auch für uns von AGRECOL Andes bereichernd und stärkte die Verbundenheit und das Gemeinschaftsgefühl.

Rückblickend sehe ich die Nähe, welche die Mitarbeiter von AGRECOL Andes zu den Landwirten haben, als zentrale Qualität der Zusammenarbeit. Dadurch, dass der Grossteil der Mitarbeiter selbst aus ihrem Arbeitsgebiet stammen, kennen sie nicht nur die naturräumlichen Gegebenheiten, sondern auch die sozialen Strukturen. Zeitweise war es schwierig einen Fortschritt zu sehen. Die Trockenheit hat sich auch in unserer Arbeit wiederspiegelt. Doch wenn ich auf den Anfang meiner Zeit in Bolivien zurückblicke, sehe ich dass es doch viele Momente gegeben hat, in welchen sich alle über die Probleme und die möglichen Lösungen einig waren. Die Region um Aiquile befindet sich in einem frühen, aber potenzialreichen Stadium der ökologischen Landwirtschaft. Es ist schön zu sehen, dass durch die Arbeit von AGRECOL Andes diese nachhaltige Art von Landwirtschaft gefördert und begleitet wird. Und auch dank des nationalen Treffens in Tarija konnte ich ganz viel Hoffnung schöpfen, dass sich zumindest ein Teil der Landwirtschaft in Bolivien in eine verantwortungsvolle Richtung entwickelt.

Vielen Dank für die Unterstützung und Euer Interesse.

Eine Antwort to “En Bolivia, todo es posible pero nada es seguro!”

  1. Matthias Görgen Says:

    das war ja dann ein rundum erfahrungsreiches Praktikum bei Agrecol-Andes. Die Berichte sind sehr anschaulich geschrieben. Mir gefällt auch der positive Grundtenor an der sinnvollen Arbeit der Organisation, insbesondere der Förderung der ökologischen Landwirtschaft in der Anden-Region Boliviens. Noch weiter schöne Erlebnisse und hoffentlich bis bald beim Agrecol-Frühjahrstreffen in der Rhön 🌻 ! Matthias

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