Ab aufs Land!

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Ein Monat Grossstadtleben (Thiès hat knapp 240‘000 Einwohner) ist vorerst genug. Ich werde ins Dorf Ndiedieng reisen und dort den praktischen Teil meiner Aufgabe beginnen. Bisher habe ich hier meine Zeit nämlich im angenehm klimatisierten Büro von Agrecol-Afrique verbracht. Arbeitsbeginn um 8 Uhr, gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern zu Mittag essen und um 17 Uhr wieder zurück zu meiner Unterkunft zotteln, so mein erstaunlich geregelter Alltag. Nun freue ich mich, hinaus zu den Bauern und Bäuerinnen zu reisen und möglichst viel von ihrer Lebensrealität zu entdecken und aktiv an ihrem Leben teilnehmen zu können.

Im Dorf nahe Kaolack werde ich die Möglichkeit haben, Interviews mit verschiedenen Viehhaltern aber auch anderen Landwirten zu führen, um so die Probleme in der Viehhaltung dokumentieren und mögliche Lösungsansätze aufzeigen zu können. Hier sind Viehhaltung, Acker- oder Gemüsebau viel stärker unter den verschiedenen Spezialisten aufgeteilt als ich es mir aus der Schweiz gewohnt bin. Eine integrierte Produktion bildet hier die Ausnahme. Dass diese Produktionsform aber gerade für den Biolandbau mit seinem Kreislaufgedanke um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, organischen Dünger zu produzieren, Fruchtfolgen zu installieren und so nachhaltig produzierte Lebensmittel verkaufen zu können, sehr gut geeignet wäre, ist Agrecol-Afrique schon lange klar. So müssten Bauern beispielsweise weniger Kunstdünger kaufen, ein hier teurer manchmal unerschwinglicher Hilfsstoff. Auf einer drei Hektar grossen Fläche soll deshalb ein Schulungsbetrieb mit Viehhaltung, Gemüse- und Ackerbau entstehen, wo die Bauern direkt die Umsetzung einer integrierten Anbauweise verfolgen können. Ein Ziel ist dort mit der Zeit die Möglichkeit einer Ausbildung für biologische Viehhaltung zu schaffen und zwar nicht nur für Kühe: Auch Ziegen, Schafe und Hühner gehören zum Programm. Ich soll nach meiner Situationsanalyse auch Mithelfen beim Erstellen von Plänen zu dieser Fläche, einen möglichen Unterrichtsplan gestalten und die Kommunikation dieses Projekts auf nationaler Ebene aufgleisen.

Nicht nur von Thiès heisst es bald Abschied nehmen. Meine Zimmergenossin und ein weiterer senegalesischer Praktikant haben ihre Arbeit abgeschlossen und sind zurück zu ihren Familien nach Dakar gereist. Ich durfte die beiden in die Hauptstadt begleiten und die Familie meiner Mitbewohnerin kennen lernen. Auch an die Verteidigung ihrer Abschlussarbeiten haben mich die Praktikanten schon eingeladen. Gerne würden beide weiterstudieren, aber nach dem erfolgreichen Abschluss werden sie sich auf die schwierige Suche nach Arbeit begeben um ihre Familien unterstützen zu können. Gemäss der nationalen Statistik liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 13 % – internationale Organisationen schätzen sie jedoch eher auf 43 %. Ein hartes Pflaster also um Arbeit zu finden, auch für gut ausgebildete Leute. Wenn man keine Kontakte habe, sei es noch schwieriger, sagten mir die beiden. Oft gehen Stellen hier unter der Hand an Verwandte oder gute Bekannte weg, ob diese nun entsprechend qualifiziert seien dafür oder nicht. Angst vor der Zukunft – hier fast Normalzustand. Aber von dieser Angst ist meist wenig zu spüren. Im Alltag wird viel gelacht, sich angeregt unterhalten und die Probleme dann angegangen wenn sie auftreten. Ich hoffe aber sehr, dass die beiden bald zu den anderen 57 % der Jugendlichen gehören werden.

3 Antworten to “Ab aufs Land!”

  1. Matthias Görgen Says:

    na dann bonne chance für die „Feldarbeiten“ und das Leben im ländlichen Raum.
    Weiter so und liebe Grüße
    Matthias

  2. bernadette reber Says:

    Dein Bericht zu lesen ist unglaublich interessant und bereichernd! Habe mich schon den ganzen Tag auf das Lesen gefreut. Ich wünsche Dir weiterhin eine gute Zeit, diesmal direkt auf dem Feld u in der Natur. Welche Sprache sprichst Du? Machs gut liebe Judith und ich freue mich auf deinen nächsten Blogg.
    Herzlich Bernadette

  3. Tresch Esther Says:

    Toll, deine Blog zu lesen. Kaolack: In Thailand gibt es einen ähnlich lautenden Ort: Khao Lak. Wurde damals vom Tsunami verwüstet. Ich wünsche dir das Allerbeste und freue mich auf deinen nächsten Bericht.
    Herzliche Grüsse
    Esther

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