Landwirtschaft à la sénégalaise

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Toubab! Toubab! Überall tönt mir dieser Ausruf entgegen, sei es von Kindern oder Erwachsenen. Für alle bin ich gleichermassen eine Attraktion in ihrem wenig abwechslungsreichen Dorfleben. Früher das Synonym für die französischen Kolonialherren werden heute alle Menschen mit weisser Hautfarbe so genannt. Seit meiner Vorgängerin Lynn bin ich wohl die erste Weisse, die in das Dorf Ndiedieng gereist ist. In der Nähe der gambischen Grenze gelegen, kennt nicht einmal Google Maps diesen Ort.

Touristisch ist dies hier zwar Niemandsland dafür für mich aus landwirtschaftlicher Sicht (aber längst nicht nur) umso spannender. Momentan sieht man auf den Feldern überall noch grosse Haufen von Erdnussstauden. Diese wurden mit von Pferden gezogenen Geräten ausgerissen und anschliessend aufgetürmt. Nun wird damit begonnen sie mit Holzstangen zu bearbeiten um, wenn der Harmattan aus der Sahara zu blasen beginnt, mit seiner Hilfe Nüsse von Stroh zu trennen. Das Stroh wird dann wiederum den Tieren als Nahrung dienen. Mais war bereits bei meiner Ankunft keiner mehr auf den Feldern zu sehen. Von Hand werden die Kolben von den Stängeln entfernt um anschliessend maschinell zu Couscous verarbeitet zu werden. Die Maisstängel werden gelagert um bei fortschreitender Trockenzeit an die Tiere verfüttert werden zu können. Dass alle Ernterückstände verwertet werden ist einerseits erfreulich, andererseits auch problematisch. Besonders die abgeernteten Erdnussfelder sind nun kahl. Alles Material, welches zum Humusaufbau dienen könnte, wurde abgeführt. Von einer weiteren Hauptkultur, nämlich Hirse stehen auf den Feldern nur noch die kahlen Stängel mit viel Grün dazwischen, das von den Tieren jetzt beweidet wird. Vor der Regenzeit im nächsten Frühling werden diese Felder jedoch für den Erdnussanbau brandgerodet. Auch so bleibt kaum etwas für den Aufbau der so wichtigen organischen Substanz zurück. Die hier vorherrschenden Sandböden können von Haus aus kaum Nährstoffe speichern. Ohne Zufuhr von organischer Substanz werden sie auf kurze oder lange Zeit verarmen. Leider sind die Fruchtfolgen sehr eng. Oft wird nur Erdnuss und Hirse im jährlichen Wechsel angebaut, seltener Mais und in wenigen Fällen Sorghum. Für viele Bauern hier beginnt mit dem Ende der Ernte im Dezember die Zeit des Nichts tun bis zum Beginn der nächsten Regenzeit. Gemüseanbau wird aus Wassermangel oder schlicht weil hier viele der Ansicht sind, dass die Trockenzeit zur Erholung da ist, kaum betrieben. Letzteres trifft vor allem auf die Männer zu. Die Frauen sind einerseits mit dem aufwendigen Haushalt (schon allein die Handwäsche oder das Kochen auf Holzfeuern ist sehr zeitintensiv) oder mit dem Knacken von Erdnüssen, dem Trocknen von Hibiskusblüten oder der Aufzucht von Ziegen oder Schafen beschäftigt.

Was auf den ersten Blick alles eher negativ klingt, lässt bei näherem Hinschauen auch grosses Potenzial erkennen. Mulchsaaten statt Brandrodung, Mist statt Kunstdünger oder die Einführung einer dritten Kultur wie Bohnen in die Fruchtfolge – solche kleinen Veränderungen können hier schon einige Verbesserungen bringen. Das Zentrum für Agrarökologie Baye Niass, welches im Dorf am Entstehen ist, könnte solche Ansätze in Zukunft an die Bauern der Region weitergeben. Bei meinen Befragungen der Bauern zur Viehhaltung wurde auch ausnahmslos Interesse an einer solchen Ausbildung bekundet. Dies ist bestimmt eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen dieses Projekts. Während meinen Befragungen wurde ich durchwegs freundlich aufgenommen und hoffe nun mit einer Dokumentation der mir genannten Problematiken einen Beitrag für eine Ausbildung leisten zu können, die den Bedürfnissen der Bauern hier tatsächlich entspricht.

Fünf Wochen durfte ich im Dorf Ndiedieng bei meiner Gastfamilie verbringen. Ich konnte tief eintauchen in Kultur und Leben hier. Das Dorf und die Menschen werden mir fehlen bei meiner Rückkehr in die Stadt. Der Geruch von Holzkohlefeuer in der Nase, die Toubab-Rufe im Ohr, den süssen Geschmack von Tee auf der Zunge und den warmen Harmattan auf der Haut werde ich in meinen Erinnerungen zu bewahren versuchen.

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4 Antworten to “Landwirtschaft à la sénégalaise”

  1. bernadette reber Says:

    Liebe Judith, unglaublich interessant ist dein Bericht, und es macht mich froh Teil deines Aufenthalts zu sein. Dein Schreiben ist echt spannend und ich spüre viel von dieser so anderen Welt. Karg scheint es und doch so farbig…. Wünsche dir weiterhin viel Gutes und erfreue dich über den Ruf Toubab. Ich höre ihn bis hier!
    Herzlich Bernadette

  2. Tresch Esther Says:

    Liebe Judith, wozu werden die Hibiskusblüten verwendet? Spannend, deinen Blog zu lesen. Liebe Grüsse Esther

    • Judith Meier Says:

      Liebe Esther Die roten Blüten werden meistens für Jus de Bissap, ein mit Minze aromatisierter Saft, oder Tee gebraucht. Die weissen Blüten werden ungetrocknet zu einem Püree mit Chili und anderen Gewürzen verarbeitet und zum Nationalgericht Fisch mit Reis gegessen. Sind sie getrocknet mengt man sie in Saucen bei. Dein Interesse freut mich!
      Liebe Grüsse Judith

  3. Matthias Görgen Says:

    Liebe Judith, dein Bericht ist sehr informativ und liest sich gut. Du vermittelst die landwirtschaftlichen Praktiken und auch deren Engpässe bei der Bewahrung der Bodenfruchtbarkeit sehr anschaulich und mit viel Empathie für die Bauern und Bäuerinnen. Weiter so und noch schöne Tage im Senegal und in Afrika.
    Herzliche Grüße – Matthias

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