Neujahr und Dromedar

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Fast hätte ich am 31. Dezember Mitternacht verpasst. Ich habe nicht etwa geschlafen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen bei dem vielen Feuerwerk und anderen Knallkörpern, die in die Luft stiegen. Auf dem Hauptplatz von Thiés stand ich in Scharen von Menschen. Unzählige Autos und kleine Motorräder waren auf den Strassen unterwegs und brachten den Verkehr zum Stillstand. In Pink und Violett leuchtende Hasenohren als Haarreifen, glitzernde übergrosse Brillen, mit Lametta behangene Zaubererhüte und Tiermasken aus Plastik wurden von zahlreichen Leuten getragen. Auch viele Kinder waren in der Menge. Selbst bei all dem Trubel fanden sie die einzige Weisse dort noch amüsant und grüssten mit dem in der Schule gelernten „Bonsoir“. Aber wieso verpasste ich nun Mitternacht beinahe? Es gab keinen Countdown, keine Umarmungen und natürlich auch kein Anstossen, trinken doch Moslems keinen Alkohol. Selbst Wünsche zum guten Jahr scheinen nicht verbreitet zu sein. Silvester ist hauptsächlich ein guter Grund zum Feiern für alle Konventionen und Ethnien. Eigentlich genau wie es in Europa auch der Fall ist, nur das dort der Alkoholpegel in der Regel deutlich höher steigt.

Aber auch im alten Jahr war ich unterwegs. Mitte Dezember durfte ich einige Tage im paradiesisch gelegenen „Centre Mampuya“ verbringen. Es ist das Projekt eines Schweizer Paares, das bereits seit 2001 eine Fläche von 40 ha südlich von Dakar an der Küste gelegen aufforstet, biologisches Saatgut zu produzieren versucht und auch Tiere wie Kühe, Schafe und Mastpoulet hält. Im Februar wird nun der erste Jahrgang mit 15 jungen Senegalesen abschliessen, die eine Ausbildung zum Berater für ökologischen und biologischen Landbau gemacht haben.

In Europa erfreuen sich biologisch produzierte Produkte zunehmender Beliebtheit und alles hat auch sein entsprechendes Label. In Senegal steckt Biolandbau hingegen noch in den Kinderschuhen, im Bewusstsein der Bauern wie auch der Konsumenten. Im Gegensatz zum europäischen „Labelsalat“ gibt es hier noch gar kein Label für Bioprodukte. Eine Zertifizierung ist erst langsam am Entstehen. Für die Ackerkulturen wie Hirse, Mais oder Erdnuss werden aber bereits jetzt keine Pestizide verwendet und selten Kunstdünger eingesetzt. Dies nicht aus schönen Gedanken zu Umwelt und der Belastung ebendieser durch solche Stoffe sondern schlicht weil die nötigen finanziellen Mittel fehlen. Der einzige Ort wo chemische Hilfsstoffe eingesetzt werden, ist die Lagerung des Ernteguts. Anders sieht es in der Gemüseproduktion aus aber eigentlich eine komfortable Ausgangssituation. Nun möchte das Centre Mampuya aber einen Schritt weitergehen und fundiertes Wissen an zukünftige Fachleute für eine nachhaltige Landwirtschaft vermitteln. Ein spannendes Projekt, das es jungen Menschen zu dem ermöglicht eine Ausbildung mit viel Praxisbezug abseits der hier üblichen theoretischen, universitären Bildung zu absolvieren.

Seit meinem Aufenthalt auf dem Land und im Centre Mampuya habe ich mich wieder gut ins Stadtleben eingefügt. Die geführten Interviews wurden ausgewertet und nun bin ich daran mögliche Lösungsansätze zu finden und vorzuschlagen. Vorerst wälze ich wieder viel Literatur aber der Austausch mit Mitarbeitern von Agrecol Afrique und Djibril wird sehr wichtig sein für mich.

Mast-Dromedare mitten in Thiès. Beim nächsten Magal in etwa einem Jahr werden sie geschlachtet.

Mast-Dromedare mitten in Thiès. Beim nächsten Magal in etwa einem Jahr werden sie geschlachtet.

Vertrauter Alltag mittlerweile ist der Arbeitsweg mitten durchs Stadtzentrum, wo ich trotzdem des Öfteren Kuhherden antreffe und Ziegen und Schafe auf karg bewachsenen Flächen angepflockt sind. Etwas verwundert war ich aber doch, als ich drei Dromedare vor einem Haus angebunden entdeckte. Mir wurde erklärt, dass diese zur Mast gehalten und jeweils an einem jährlich stattfindenden dreitägigen Treffen einer muslimischen Bruderschaft, dem Magal von Touba, geschlachtet werden. Schön, gibt es immer noch Neues und Überraschendes für mich zu entdecken und das wünsche ich auch Ihnen im neuen Jahr.

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8 Antworten to “Neujahr und Dromedar”

  1. Ann Waters-Bayer Says:

    Alles Gute im Neuen Jahr, Judith! Wenn du Unterstützung bei der Analyse der Daten zur Tierhaltung und „Mithirnen“ zur Ideenentwicklung brauchst, sind Wolfgang und ich gerne bereit. Wir haben etliche Jahre mit kleinbäuerlichen und pastoralen Tierhaltern in Afrika gearbeitet.

    • Judith Meier Says:

      Auch dir alles Gute im 2018! Gerne tausche ich mich etwas mit euch aus. Kannst du mir dazu deine Mailadresse angeben? Ich finde sie leider nirgends mehr. Beste Grüsse Judith

  2. Tresch Esther Says:

    Interessant, dein Bericht. Ich merke einfach, wie wir gerade in total unterschiedlichen Welten sind. Mich würde interessieren, was für Fazite du bereits gezogen hast.

    • Judith Meier Says:

      Das sind wir wohl tatsächlich. Ich hoffe aber, dass ich die „senegalesische“ Welt etwas näher bringen kann mit meinen Texten.

  3. Matthias Görgen Says:

    merci beaucoup für die anschaulichen Berichte und deine Eindrücke!
    Alles Gute zum neuen Jahr und bleibe weiterhin neugierig!
    Vielleicht solltest du auch mal wieder Almut Hahn kontaktieren. Sie kann dir mit ihren Projekterfahrungen sicherlich auch weiterhelfen, bzw. Ideen vermitteln.
    Herzliche Grüße – Matthias

  4. Jochen Currle Says:

    Vielen Dank für den ganz frischen Blog aus Senegal. Meine besten Wünsche zum Neuen Jahr. Stimmt, das mit dem geringen Einsatz von Pestiziden ist oft dem Geldmangel geschuldet. Oft aber wird dann gerade der Einsatz von Chemie als eine einfache Möglichkeit erlebt, Risiken zu vermeiden und Erträge zu steigern. Prima, wenn auch ökologische Strategien gezeigt werden, wie Bodenfruchtbarkeit erhalten und gefördert und wie Risiken verringert werden können.

    Sei gegrüßt,

    Jochen

  5. bernadette reber Says:

    Liebste Judith
    Danke dir für den interessanten Blog. Bin sehr fasziniert von deinen Erlebnissen. Ich als Buchhändlerin finde Du könntest ein Buch über dein Praktikum schreiben und die Buchvernissage wäre in der Hirschmatt Buchhandlung. Schön wärs!

    Herzlich Bernadette

    • Judith Meier Says:

      Liebe Bernadette Vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Schmeichelnd aber auf der lesenden Seite fühle ich mich doch deutlich wohler. Herzliche Grüsse Judith

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