Kein Land des Alltags

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Wie der Titel schon sagt, gibt es in Bolivien wenig Alltag, wenig Routine. Aber ich habe auch gemerkt, dass es nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss. Diesmal will ich etwas vom Arbeits“alltag“ auf dem Land in Totora erzählen, der nun auch schon wieder vorbei ist. Letzte Woche Dienstag habe ich die letzten Interviews geführt und damit den praktischen Teil abgeschlossen. Hinzu kommt noch eine weitere Veränderung.

Man sagt ja immer, das Leben auf dem Land sei ruhig und entspannt. Das gilt auch für Totora… meistens. In Totora sind wir kürzlich (mitten in der Nacht) mit der gesamten Außenstelle (Büro, Schlafsaal und weiteres Equipment) in ein neues Haus näher an der Plaza Principal gezogen. Ich war froh, vor allem, weil der vorherige Schlafraum (in einem Keller) ziemlich kalt war (draußen 25°C und innen 5°C gefühlt). Die neue Außenstelle wirkt nun um einiges einladender und es ist wärmer! Dort habe ich mir das Zimmer mit Juan geteilt, einem Berater zum Thema Bienen und wir verstehen uns gut.

Der Tag beginnt meistens damit, dass Mario (ein weiterer Mitarbeiter aus Totora) ins Büro kommt und uns aufweckt (falls ich nicht schon vorher wach war), um mit der Arbeit anzufangen. Jeden Tag kommt er zu einer anderen Uhrzeit. Es wird kurz erzählt was anliegt und schon sind wir im Auto auf dem Weg zu den kleinen Dörfern, um alle Aufgaben zu erledigen. Die Autofahrten sind holprig, aber die Landschaft einfach nur schön anzusehen! In den Dörfern findet Kommunikation meistens auf Quechua statt und ich bin da ziemlich raus, versuche aber trotzdem mit den Leuten ein bisschen ins Gespräch zu kommen. In den Dörfern sind die Leute weitaus freundlicher als in Totora selbst, die Menschen dort wirken sehr verschlossen und wollen keinen Kontakt mit „Ausländern“, was auch mein Kollege Juan merkt, obwohl er nur aus Sucre (Hauptstadt Boliviens) kommt. Zwischendurch komme ich dann zum Einsatz und kann ein Interview führen, mal auf Spanisch, mal mit Mario als Übersetzer für Quechua. Ich merke, Bolivianer scheinen eine unglaubliche Fähigkeit zu haben auf Fragen zu antworten, aber sie nicht zu beantworten. Ich muss viel nachbohren, vor allem bei Quechua, aber letzlich bekomme ich doch noch alle nötigen Informationen zusammen. Danach geht es schon mit einer Stunde Fahrt ins nächste Dorf für weitere Sachen auf der To-do Liste, die nur Mario wirklich kennt. Dazwischen vielleicht noch ein Abstecher für ein weiteres Interview oder eine zusätzliche Aufgabe. Das Schöne an dem Ganzen ist, dass ich viel Landschaft, viele Agroforstparzellen und Imker kennenlerne. Das hilft auch viel beim Verständnis des gesamten Projekts Biocultura. Letzlich kommen wir dann immer zwischen 18 und 22 Uhr zurück nach Totora, oft zusammen mit Bekannten, die wir auf dem Weg zurück einsammeln und im Auto mitnehmen. Danach werden teilweise im Büro noch Sachen geplant oder spontan umgeschmissen. Teilweise essen wir noch etwas, wenn uns vorher nicht spontan jemand aus den Dörfern zum Essen eingeladen hat. Das kommt oft vor und Aufessen ist ein kulturelles Muss (fällt nicht sonderlich schwer, weil das Essen dort wirklich lecker ist, aber die Portionen sind riesig!!!). Am Abend kann man in Totora nicht viel machen und man geht früh ins Bett bis man am nächsten Tag wieder von Mario aufgeweckt wird. Vielleicht transportiert man Opuntia-Kakteen in ein Dorf, vielleicht findet ein Wettbewerb für die schönste Agroforstparzelle statt oder auch nur eine große Versammlung im Rathaus mit den Repräsentaten der Dörfer. Es ist wirklich alles dabei und von „Alltag“ kann keine Rede sein.

Seit letzter Woche bin ich wieder zurück in Cochabamba, da ich nun ziemlich alle Informationen für die Evaluation zusammen habe. Dazwischen war ich einmal in La Paz, um einen Lehrgang für ein Analysesystem zu erhalten, mit dem man die Resilienz von Agroforstsystemen messen kann. Das soll auch in Totora angewandt werden, aber ich glaube, dass die nötigen Daten dazu nicht verfügbar sind… wir werden sehen. Der praktische Teil ist somit abgeschlossen und für meine restliche 3 Monate hier würde es eigentlich heißen: Interviews transkribieren (fast fertig!) und das Enddokument schreiben. Meine Uni war von der Idee nicht soooo begeistert und ich ehrlich gesagt auch nicht. Landwirtschaft und Agroforst finden ja nicht im Büro statt und wenn ich schon am anderen Ende der Welt bin, sollte das auch ausgenutzt werden. Ich habe mit meinem Betreuer und der Leitung darüber gesprochen, um einen Kompromiss zu finden, um doch noch etwas mehr Praxiserfahrung zu bekommen. Letzlich konnten sie die Situation gut nachvollziehen und wir sind so verblieben, dass ich demnächst am Institut für andine Agroforstwirtschaft „Mollesnejta“ in Cochabamba arbeiten werde, welches von einer Deutschen geleitet wird, die auch ein Teil von Agrecol ist. Trotzdem werde ich weiter mit AGRECOL-Andes zusammenarbeiten und die Evaluation beenden. Da es Computerarbeit ist, kann ich auch vom Institut aus arbeiten und ggf. immer ins Büro zurückkommen für wichtige Meetings. Dadurch habe ich zwar etwas mehr Arbeit, aber das ist schon in Ordnung, zumal es trotzdem eine win-win-Situation bleibt.

Ich bin gespannt wie es am Institut wird und welche Aufgaben mich dort erwarten. Und ich bin froh, dass sich die Situation so gut für alle Beteiligten gelöst hat. Ich melde mich wieder sobald ich mich am neuen Arbeitsplatz eingefunden habe.

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Eine Antwort to “Kein Land des Alltags”

  1. Matthias Görgen Says:

    schön und gut, dass du nun weitere Erfahrungen zu Agro-Forst bei Mollesnejta sammeln kann. Deine Berichte sind wirklich gut zu lesen.
    Alles Gute und liebe Grüße ! Matthias (zurzeit bei Agrecol-Afrique im Sénégal)

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