Archive for Januar 2019

Baumfreundschaften in Mollesnejta

26. Januar 2019

So, hier noch ein kleiner Bericht zu meiner Arbeit in Mollesnejta.

Mich hat schon immer das Thema Pflanzenkommunikation interessiert, was Bäumchen und Blümchen so untereinander quatschen: über Nährstoffe in ihrer Gegend, vorbeiziehende Fressfeinde oder auch über deutsche Praktikanten, die wieder an ihren Ästen herumgeschnitten haben. Dieses Interesse konnte ich in Mollesnejta sehr gut mit meiner Arbeit kombinieren. Da im dynamischen Agroforst alle Bäume sehr eng bei einander stehen, beeinflussen sie stetig. Vor allem im Wachstum! Manche Bäume verstehen sich nämlich super, sodass sich ihre Baumkronen ohne Probleme vereinigen, sich praktisch umarmen und symbiotisch wachsen. Andere aber verstehen sich wohl nicht so gut, sodass der kleinere Baum nicht durch die Krone des älteren Baumes wachsen kann/darf und ausweichen muss, damit er noch etwas Licht abbekommt. Dann gibt es aber noch eine dritte Kategorie, wenn sich die Bäume bedingt verstehen. Das Wachstum eines Baumes hängt ja nicht nur von seiner Gesellschaft ab, sondern auch von ganz vielen anderen Faktoren wie beispielsweise dem Zugang zu Wasser und Licht oder, ob sehr viel Wind weht. Dementsprechend kam ich manchmal auch zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen, wenn ich versucht habe die Beziehung zweier Bäume festzuhalten.

Konkret hat sich meine Arbeit dann so gestaltet, dass ich auf den 16ha in Mollesnejta herumgelaufen bin und Bäume angeschaut habe. Klingt erstmal nicht so spannend, aber wenn man eben genau hinsieht, entdeckt man die vielen Beziehungen, die zwischen den über 90 Baumarten in Mollesnejta herrschen und kommt aus dem Notizen machen gar nicht mehr heraus. Ein peruanischer Pfefferbaum weicht mal hier, versteht sich dann aber wieder gut mit einem anderen Nachbarn. Es ist kein Baum wie der andere und bei über 8.100 möglichen Beziehungen war ich immer gut beschäftigt. Jetzt stellt sich aber die Frage „Für was ist das überhaupt wichtig? – Die Bäume wachsen ja trotzdem.“. Naja, wir möchten zum einen, dass die Bäume gut und harmonisch wachsen, damit wir ein stabiles Ökosystem kreieren. Zum anderen wachsen hier auch ganz viele Nutzbäume, für Obst und Holz. Dementsprechend muss garantiert werden, dass die Esche zum Beispiel gerade wächst, um später hochwertiges Holz zu liefern oder, dass der Pfirsichbaum genug Platz hat, um seine Krone auszubreiten und viele Früchte tragen kann. Deswegen laufe ich immer mit einer Astschere und einer Säge herum, denn wenn ich erste Anzeichen sehe, wie ein Nutzbaum vor einem Begleitbaum weicht, dann schneide ich den Begleitbaum zurück, „befreie“ damit praktisch den Nutzbaum, kann die abgeschnittene Biomasse als Mulch um den Baum herumlegen und unterstütze letztlich das Wachstum doppelt.

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Um das ganze etwas besser zu verstehen, könnt ihr euch einmal das Bild hier ansehen. Links steht ein kleiner Carawancara. Rechts daneben thront ein großer Pfefferbaum, hier Molle genannt. Zunächst wächst der kleine Baum gerade, biegt sich aber dann schon fast horizontal vom Molle weg. Als wolle er unter keinen Umständen der Krone des Molles zu nahekommen. Man könnte sagen, dass oben eigentlich noch genug Platz wäre, um etwas mehr zu wachsen, aber wenn man genau hinsieht, gibt es eine breite Wunde am Stamm des Molles, die darauf hinweist, dass es einen Zweig gab, der direkt über dem Carawancara gewachsen ist. Und genau vor diesem Ast (den ich dann kurz vor dem Schnappschuss entfernt habe) ist der Carawancara gewichen. Die Schlussfolgerung wäre, dass die beiden sich wohl nicht leiden können und nicht beieinander gepflanzt werden sollten. Aber das stimmt nicht ganz: Der Carawancara ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die nicht von Hand ausgesät werden kann. Das Keimen erfolgt nur auf natürliche Weise, was die Verbreitung natürlich sehr schwierig macht. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass die meisten Carawancara-Bäume direkt neben einem Molle-Baum keimten, manchmal weniger als 20 cm vom Stamm entfernt. Das legt nahe, dass die unterirdische Umgebung eines Molles mit seinen Mikroorganismen das Wachstum des Carawancara-Samens begünstigt. Es scheint, als ob er den Molle braucht, um überhaupt leben zu können. Daraus kann geschlossen werden, dass die bedrohte Art vom Molle abhängig ist, aber seine Krone kann nicht in Harmonie mit der Krone des Molles stehen und gedeihen. Als sehr seltene Art hat der Carawancara einen höheren Wert und sein Überleben ist entscheidend für den Artenschutz. Daher musste der Molle zurückgeschnitten werden, um den Stress für den Carawancara zu reduzieren und ein natürliches Wachstumsverhalten zu gewährleisten. Aufgrund dieser komplexen Beziehung gehört diese Baumkombination zur dritten Kategorie, die nur unter bestimmten Bedingungen miteinander auskommt.

So viel zu meiner Arbeit, und jetzt ist sie leider auch schon wieder vorbei… Gestern war mein letzter Arbeitstag und jetzt werde ich Südamerika noch etwas weiter entdecken bevor es wieder nach Deutschland geht. Ich bin unglaublich dankbar für die schöne Zeit in Mollesnejta. Ich werde mit so viel mehr Wissen, Erfahrungen und guten Erinnerungen wieder nach Hause kommen. Bolivien ist auf alle Fälle ein schönes Reiseland und zum Beispiel das Salar de Uyuni war atemberaubend (hier der Link zum Reisebericht auf der Mollesnjeta-Homepage: https://mollesnejta.org/1677-2/ ), aber ich denke, dass Mollesnejta trotzdem mein Lieblingsort ist und den werde ich auch sicher nie vergessen.

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PS: Wer noch mehr über Mollesnejta wissen will, kann hier gerne die Berichte anderer Freiwilliger und Praktikanten lesen, die zeitgleich mit mir in Mollesnejta unterwegs waren.

Henning und Rika aus Deutschland: https://mollesnejta.org/zwei-vom-ganz-anderen-fach/

Angie aus der Schweiz: https://mollesnejta.org/als-volunteer-in-mollesnejta/

Einführung in den dynamischen Agroforst

14. Januar 2019

Lange ist es her, dass ich mich zu Wort gemeldet habe. Durch den Wechsel nach Mollesnejta kam ganz viel neuer Trubel mit sich und die in Bolivien passiert ja sowieso immer wieder etwas neues. Nun bin ich doch schon 2 Monate hier und es gefällt mir sehr geht. Viel Natur, viele Bäume und freundliche andere Praktikanten, mit denen man abends noch gerne zusammen in der Küche sitzt.

Aber was machen wir in Mollesnejta eigentlich? Es gibt immer was zu tun, das ist sicher und es ist sehr abwechslungsreich. Wir pflanzen Bäume, legen neue Agroforstparzellen an oder stellen Kohle zum Füllen der Pflanzlöcher her. Es macht wirklich Spaß und es herscht immer angenehmes Arbeitsklima, auch wenn samstags arbeiten nicht jedermanns Wunschvorstellung ist. Aber was mich am meisten hier freut ist, dass ich sehr viel lerne. Noemi, die Leiterin von Mollesnejta, erzählt gerne aus dem Leben und der Natur in Bolivien. Wie man ein Pflänzchen glücklich macht, den Boden besser bewirtschaftet und Bäume richtig schneidet ohne sie dabei zu verletzen. Die letzte große Lektion war die Einführung in den dynamischen Agroforst. Was genau das ist, findet ihr in dem Text gleich hier unten. Viel Spaß beim Lesen!

PS: Ein eigenes Projekt habe ich auch, das von Pflanzenkommunikation in Agroforstsystemen handelt. Ich komme sehr gut voran und finde das Thema wahnsinnig spannend. Ein Beitrag dazu wie genau meine Arbeit da aussieht, folg bald noch. Viel Zeit bleibt mir in Bolivien nämlich auch nicht mehr…

Nun zum dynamischen Agroforst:

Agroforst ist ja schon ein bekanntes Modell: Es ist die Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft, die einjährige Kulturen wie Getreide, Kartoffeln oder Gemüse mit  Baumarten für Obst oder Holzgewinnung in einer Parzelle vereint. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wann ist der Agroforst „dynamisch“? Bei dem Begriff stellt man sich vor, dass etwas in Bewegung ist, dass sich etwas stetig verändert. Beim dynamischen Agroforst wird durch hohe Artenvielfalt und eine dichte Bepflanzung die sich ständig verändernde Natur und die natürliche Nachfolge der Pflanzenvegetation nachgeahmt. Es fängt mit kleinen Pflänzchen and und endet mit großen, prächtigen Bäumen. Das Konzept, mit den Gegebenheiten der Natur zu arbeiten anstatt sie zu kontrollieren, gilt stets als nachhaltig und wird auch von den Prinzipien der Permakultur unterstützt. Wie man nun ein dynamisches Agroforstsystem implementiert, soll am folgenden Beispiel, der Erstellung eines „Ruedo“ (zu dt.: Rad oder Kreisel) erläutert werden:

Bei steinigem Boden wird ein kreisförmiges Loch von circa 1m Tiefe und 1m Durchmesser ausgehoben. Dieses wird mit Erde, Schafsdung und aktivierter Kohle (selbst hergestellte Kohle, die mit Urin gelöscht wurde und somit als Nährstoffträger dient) befüllt.

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Danach gilt es zu entscheiden welche Pflanzen in das Ruedo gesetzt werden sollen. Dazu ist es wichtig die Standortbedingungen zu kennen: Einflussfaktoren wie Wind, Sonne und Schatten, Kälte und umgebende Baumarten müssen beachtet werden.

Um der natürlichen Pflanzenfolge gerecht zu werden, müssen Arten mit unterschiedlicher Lebensdauer in das Ruedo, die in verschiedene Kategorien eingeteilt sind:

  • Pionierart: wird bis zu einem Jahr alt
  • Sekundärart 1: wird bis zu zwei Jahre alt
  • Sekundärart 2: wird bis zu 20 Jahre alt
  • Sekundärart 3: wird bis zu 100 Jahre alt
  • Primärart: wird über 100 Jahre alt und ist ökonomisch gesehen die wichtigste Art im Konsortium

In unserem Beispiel ist die Primärart eine Chirimoya (Annona cherimola). Diese wird vorsichtig in die Mitte des Ruedos gesetzt.

Pionierarten wären beispielsweise Blumen auf die wir hier aber verzichtet haben, zumal die anderen Kategorien gut vertreten und bereits alle Jungpflanzen sind. Die Sekundärarten werden in gleichmäßigem Abstand am Rand des Ruedos um die Chirimoya gepflanzt. Bei der Auswahl der Arten ist es nicht nur wichtig die natürliche Reihenfolge und die Kategorien zu beachten, sondern auch, dass die Sekundärarten einander helfen und beschützen, damit die Chirimoya mit den anderen Arten optimal wachsen kann.

Deshalb befinden sich in unserem Beispiel eine Fetthenne (als wasserspeichernder Helfer), eine Geranie (die abstoßend für Insekten und Nematoden wirkt sowie den Boden bedeckt), eine Art der Kürbisgewächse sowie Neuseeland-Spinat (Bodendecker und Gemüse), und weitere Bodendecker, um die Feuchtigkeit im Boden zu halten.

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Nebenan ist ein weiteres, kleines Loch befüllt worden, in dem ein „Mora de àrbol“ (zu dt.: Seidenraupenbaum) als Begleitart gepflanzt wurde. Diese Art dient hauptsächlich als Unterstützung für die Chirimoya, indem ihre Äste regemäßig zurückgeschnitten und als Mulch um die Primärart gelegt werden. Die Begleitart kann aber theoretisch auch im Ruedo stehen. Mit solch einer Kombination ist das Ruedo gegen verschiedenste Umwelteinflüsse gewappnet und kann ohne Störung gedeihen.

Zum Schluss wird das Ruedo gut gegossen, damit der Boden erstmal gesättigt ist und die Arten sich leicht an die neue Umgebung gewöhnen können. Die Bodendecker sind zu Beginn noch sehr klein, weswegen Gras und Sägemehl im Ruedo als Ersatz verteilt werden. Dadurch verdunstet weniger Wasser und der Boden bleibt länger feucht.

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Somit wäre das Ruedo komplett und nach einiger Zeit hat man ein dynamisches Agroforstsystem.