Baumfreundschaften in Mollesnejta

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So, hier noch ein kleiner Bericht zu meiner Arbeit in Mollesnejta.

Mich hat schon immer das Thema Pflanzenkommunikation interessiert, was Bäumchen und Blümchen so untereinander quatschen: über Nährstoffe in ihrer Gegend, vorbeiziehende Fressfeinde oder auch über deutsche Praktikanten, die wieder an ihren Ästen herumgeschnitten haben. Dieses Interesse konnte ich in Mollesnejta sehr gut mit meiner Arbeit kombinieren. Da im dynamischen Agroforst alle Bäume sehr eng bei einander stehen, beeinflussen sie stetig. Vor allem im Wachstum! Manche Bäume verstehen sich nämlich super, sodass sich ihre Baumkronen ohne Probleme vereinigen, sich praktisch umarmen und symbiotisch wachsen. Andere aber verstehen sich wohl nicht so gut, sodass der kleinere Baum nicht durch die Krone des älteren Baumes wachsen kann/darf und ausweichen muss, damit er noch etwas Licht abbekommt. Dann gibt es aber noch eine dritte Kategorie, wenn sich die Bäume bedingt verstehen. Das Wachstum eines Baumes hängt ja nicht nur von seiner Gesellschaft ab, sondern auch von ganz vielen anderen Faktoren wie beispielsweise dem Zugang zu Wasser und Licht oder, ob sehr viel Wind weht. Dementsprechend kam ich manchmal auch zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen, wenn ich versucht habe die Beziehung zweier Bäume festzuhalten.

Konkret hat sich meine Arbeit dann so gestaltet, dass ich auf den 16ha in Mollesnejta herumgelaufen bin und Bäume angeschaut habe. Klingt erstmal nicht so spannend, aber wenn man eben genau hinsieht, entdeckt man die vielen Beziehungen, die zwischen den über 90 Baumarten in Mollesnejta herrschen und kommt aus dem Notizen machen gar nicht mehr heraus. Ein peruanischer Pfefferbaum weicht mal hier, versteht sich dann aber wieder gut mit einem anderen Nachbarn. Es ist kein Baum wie der andere und bei über 8.100 möglichen Beziehungen war ich immer gut beschäftigt. Jetzt stellt sich aber die Frage „Für was ist das überhaupt wichtig? – Die Bäume wachsen ja trotzdem.“. Naja, wir möchten zum einen, dass die Bäume gut und harmonisch wachsen, damit wir ein stabiles Ökosystem kreieren. Zum anderen wachsen hier auch ganz viele Nutzbäume, für Obst und Holz. Dementsprechend muss garantiert werden, dass die Esche zum Beispiel gerade wächst, um später hochwertiges Holz zu liefern oder, dass der Pfirsichbaum genug Platz hat, um seine Krone auszubreiten und viele Früchte tragen kann. Deswegen laufe ich immer mit einer Astschere und einer Säge herum, denn wenn ich erste Anzeichen sehe, wie ein Nutzbaum vor einem Begleitbaum weicht, dann schneide ich den Begleitbaum zurück, „befreie“ damit praktisch den Nutzbaum, kann die abgeschnittene Biomasse als Mulch um den Baum herumlegen und unterstütze letztlich das Wachstum doppelt.

carawancara-und-molle_g_1

Um das ganze etwas besser zu verstehen, könnt ihr euch einmal das Bild hier ansehen. Links steht ein kleiner Carawancara. Rechts daneben thront ein großer Pfefferbaum, hier Molle genannt. Zunächst wächst der kleine Baum gerade, biegt sich aber dann schon fast horizontal vom Molle weg. Als wolle er unter keinen Umständen der Krone des Molles zu nahekommen. Man könnte sagen, dass oben eigentlich noch genug Platz wäre, um etwas mehr zu wachsen, aber wenn man genau hinsieht, gibt es eine breite Wunde am Stamm des Molles, die darauf hinweist, dass es einen Zweig gab, der direkt über dem Carawancara gewachsen ist. Und genau vor diesem Ast (den ich dann kurz vor dem Schnappschuss entfernt habe) ist der Carawancara gewichen. Die Schlussfolgerung wäre, dass die beiden sich wohl nicht leiden können und nicht beieinander gepflanzt werden sollten. Aber das stimmt nicht ganz: Der Carawancara ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die nicht von Hand ausgesät werden kann. Das Keimen erfolgt nur auf natürliche Weise, was die Verbreitung natürlich sehr schwierig macht. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass die meisten Carawancara-Bäume direkt neben einem Molle-Baum keimten, manchmal weniger als 20 cm vom Stamm entfernt. Das legt nahe, dass die unterirdische Umgebung eines Molles mit seinen Mikroorganismen das Wachstum des Carawancara-Samens begünstigt. Es scheint, als ob er den Molle braucht, um überhaupt leben zu können. Daraus kann geschlossen werden, dass die bedrohte Art vom Molle abhängig ist, aber seine Krone kann nicht in Harmonie mit der Krone des Molles stehen und gedeihen. Als sehr seltene Art hat der Carawancara einen höheren Wert und sein Überleben ist entscheidend für den Artenschutz. Daher musste der Molle zurückgeschnitten werden, um den Stress für den Carawancara zu reduzieren und ein natürliches Wachstumsverhalten zu gewährleisten. Aufgrund dieser komplexen Beziehung gehört diese Baumkombination zur dritten Kategorie, die nur unter bestimmten Bedingungen miteinander auskommt.

So viel zu meiner Arbeit, und jetzt ist sie leider auch schon wieder vorbei… Gestern war mein letzter Arbeitstag und jetzt werde ich Südamerika noch etwas weiter entdecken bevor es wieder nach Deutschland geht. Ich bin unglaublich dankbar für die schöne Zeit in Mollesnejta. Ich werde mit so viel mehr Wissen, Erfahrungen und guten Erinnerungen wieder nach Hause kommen. Bolivien ist auf alle Fälle ein schönes Reiseland und zum Beispiel das Salar de Uyuni war atemberaubend (hier der Link zum Reisebericht auf der Mollesnjeta-Homepage: https://mollesnejta.org/1677-2/ ), aber ich denke, dass Mollesnejta trotzdem mein Lieblingsort ist und den werde ich auch sicher nie vergessen.

lama_g_1

PS: Wer noch mehr über Mollesnejta wissen will, kann hier gerne die Berichte anderer Freiwilliger und Praktikanten lesen, die zeitgleich mit mir in Mollesnejta unterwegs waren.

Henning und Rika aus Deutschland: https://mollesnejta.org/zwei-vom-ganz-anderen-fach/

Angie aus der Schweiz: https://mollesnejta.org/als-volunteer-in-mollesnejta/

Eine Antwort to “Baumfreundschaften in Mollesnejta”

  1. Matthias Görgen Says:

    schöner Bericht zur Kommunikation und Interaktion zwischen Pflanzen ! Nun wünsche ich dir noch nette Reiseeindrücke in Südamerika. Bis bald im Mai in Göttingen – Matthias

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