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Meine Agroforstparzelle

20. Mai 2020

Hallo, hier meldet sich Johanna, die Praktikantin im Agroforstprojekt Mollesnejta, Bolivien. Ich hatte die Gelegenheit, meine eigene ca. 6x6m große Agroforstparzelle anzulegen und davon möchte ich euch diesmal ein wenig erzählen.

Design der Agroforstparzelle

Idee: Kombination von Obst-, Begleitbäumen und Gemüsebeeten, Bewässerungskanäle gefüllt mit Aktivkohle
Obstbaumarten: 1 Pacay, 2 Pfirsiche, 2 Avocados
Begleitbaumarten: 1 Retama, 1 Maulbeerbaum, 1 Toborochi

Die Obstbäume wurden jeweils mit einem Abstand von ca. 4m zueinander gepflanzt. Die Bewässerungskanäle wurde vom höchsten Punkt der Parzelle ausgehend angepasst an das Gelände bis zu den Avocadopflanzlöchern gemacht. Für die Terrasse wurde oberhalb der Obstbäume und unterhalb der Begleitbäume anhand des Geländes ein Graben gezogen. Die Zwischenräume der Bewässerungskanäle sind für die Gemüsebeete vorgesehen.

Skizze meiner Parzelle

Substrat

Ich habe sowohl bei den Obstbäumen als auch bei den Begleitbäumen folgendes Substrat verwendet: untere zwei Drittel der Pflanzlöcher: 25% Aktivkohle + 75% Erde, oberes Drittel der Pflanzlöcher: 25% Mist, 25% gehäckseltes Stroh, 50% Erde und Schlamm

Die Aktivkohle haben wir in einem Köhlerofen (Modell Kon-tiki quechua) aus Brennholz, das vor Ort gesammelt wurde, hergestellt und mit Urin aus den Trockentoiletten aktiviert. Die Aktivkohle wird verwendet, um das Wasser im Boden zu speichern und um den Pflanzen durch die Aktivierung mit Urin Nährstoffe (vor allem Stickstoff und Phosphate) bereitzustellen. Die Aktivkohle wird allerdings nur in die unteren zwei Drittel des Pflanzlochs eingebracht, um die Pflanzenkommunikation sicherzustellen. Wenn die Aktivkohle gleich in direkter Nähe der Pflanze wäre, hätte sie Wasser und Nährstoffe sozusagen gleich vor der Haustüre und müsste nicht längere Wurzeln und vor allem keine längeren Feinwurzeln ausbilden, über die sie mit anderen Pflanzen kommuniziert und Nährstoffe austauscht. Aus diesem Grund habe ich die Aktivkohle nur in den unteren Teil des Pflanzlochs gegeben. Das gehäckselte Stroh habe ich verwendet, da es sich schnell zersetzt und als Biomasse Futter für die Bodenbakterien darstellt. Da der Boden hier größtenteils aus Sand und Lehm besteht und sehr arm an Humus ist, ist das Zuführen von Biomasse vor allem auch am Anfang sehr wichtig. Durch den Mist und den Schlamm werden in den Boden Mikroorganismen und Nährstoffe eingebracht. Außerdem erhält der Boden durch das Einbringen von grobem Material Struktur und Lüftung, das für das Leben der Bodenlebewesen wichtig ist. Da unser Boden kaum Humus enthält, würde er sehr schnell verbacken und hart werden, wenn er einmal nass geworden ist.

Vorgehensweise bei der Installierung der Parzelle

  1. Löcher graben: 5 große Löcher für Obstbäume, 3 kleine Löcher für Begleitbäume
  2. Substrat herstellen und mischen
  3. Löcher füllen
  4. Graben für die Terrassierung graben
  5. Bewässerungskanäle graben
  6. Pflanzgraben für Windfang aus Büschen graben
  7. Pflanzen und eingießen
  8. Erde sieben
  9. Terrassen errichten
  10. Substrat für Windfang herstellen und mischen
  11. Pflanzgraben füllen
  12. Büsche für Windfang pflanzen und eingießen
  13. Boden der Gemüsebeete auflockern, Steine entfernen
  14. Gemüsebeete mit gesiebter Erde nivellieren, mit Mist anreichern
  15. Vögelschutznetz für Gemüsebeete herstellen
  16. Gemüsebeete anpflanzen
Tag 1: Graben der Löcher mit großer Unterstützung von Kollegen und Kolleginnen
Tag 5: Ich pflanze das erste Pflanzenkonsortium!

Was ich gelernt habe

  • Es hat wenig Sinn, eine Parzelle auf dem Papier zu planen, man muss das vor Ort machen, um die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen zu können (z.B. schon vorhandene Pflanzen, Geländeneigung)
  • Wenn man eine Zeit lang auf „seinem“ Stück Land arbeitet, kommen nach und nach die Ideen für die Parzelle. Man spürt einerseits die Verantwortung für das Land und andererseits eine große Freude für das Gestalten
  • Auf Diversität im Konsortium der einzelnen Pflanzlöcher achten, damit sich die Pflanzen gegenseitig ergänzen und verschiedene Aufgaben erfüllen
  • Worauf man beim Bäume pflanzen achten muss:
    • nicht zu Mittag in der prallen Sonne pflanzen, denn die Hitze würde den Pflanzen neben dem Umpflanzen noch zusätzlichen Stress bereiten
    • nach den Pflanzen immer die frisch gepflanzten Pflanzen eingießen, damit die feinen Wurzeln Bodenkontakt bekommen
    • es darf bei den Wurzeln kein Hohlraum entstehen, da sonst die Gefahr besteht, dass die Wurzeln zu faulen beginnen
Tag 15: die Konsortien sind fast vollständig gepflanzt, alle Gräben sind ausgehoben, die Bewässerungskanäle sind mit Aktivkohle gefüllt, die Erde ist teilweise schon gesiebt

Agroforstkurs in Tapacarí

11. Januar 2020

Hola, hier meldet sich Johanna, die Praktikantin in Mollesnejta, Bolivien.
Ich habe hier die Möglichkeit bekommen, über die deutsche NGO Naturefund eine Ausbildung zur Agroforsttrainerin zu machen. Dafür kann ich Noemi bei ihren Kursen hier begleiten. Im Folgenden nun der Bericht über einen zweitägigen Kurs für indigene Kleinbauern und -bäuerinnen in einer der ärmsten Gegenden Boliviens.

Tapacarí
Der Weg nach Tapacarí ist beschwerlich. Von der Hauptstraße von Cochabamba nach La Paz zweigt man ab auf eine Schotterpiste, der man dann ca. 1,5 Stunden rauf und runter entlang eines Flusses folgt. Rundherum sind Berge, man befindet sich in den östlichen Anden-Kordilleren mal etwas unter, mal etwas über 3000 Metern. Tapacarí ist eine Provinz des Departments Cochabambas und eine der ärmsten Gegenden Boliviens. Die ungefähr 24 000 EinwohnerInnen sind auf viele Bergrücken verteilt, die Bevölkerungsdichte beträgt nur knapp 17 Personen/km2. Der Großteil der Menschen, die hier leben sind Indigene: Quechua und teilweise auch Aymara. Sie betreiben hauptsächlich Subsistenzwirtschaft mit Kartoffeln, Bohnen, Hafer und Getreide. Viele haben eine Schafherde oder ein paar Ziegen oder Schweine. Einige wenige haben auch Esel oder kleine Pferde für den Transport oder ein paar Kühe. Manchmal gibt es auch Arbeit bei verschiedenen Bauprojekten der Provinz, wie momentan zum Beispiel eine Mauer am Flussufer, die vor Überschwemmungen in der Regenzeit schützen soll. Die Berghänge sind meist mit Gräsern und Sträuchern bewachsen, manchmal sieht man auch kleine Eukalyptus- und Kiefernwälder. Dazwischen schlängeln sich breite Flussbetten, in denen jetzt in der Trockenzeit meist nur kleine Bäche fließen, die sich aber in der Regenzeit ab November, Dezember füllen und zu reißenden Flüssen werden. Das Gestein der Flüsse ist sehr mineralsalzhaltig: auf den Feldern entlang der Flüsse, die über diese bewässert werden, sind weiße Salzablagerungen zu sehen. Auf der langen Fahrt sieht man auch immer wieder mal Wasser aus dem rötlichen Gestein kommen und manchmal auch kleine Felder mit einer dunklen, lehmigen Erde, Boden ist also meistens vorhanden.

Tapacarí

Der Agroforstkurs
Noemi Stadler-Kaulich (Mollesnejta) wurde vom Büro für „Desarollo productivo“ (Produktive Entwicklung) der Provinz eingeladen, einen Agroforstkurs für die Bauern und Bäuerinnen einiger Gemeinden zu geben. Über ein Projekt der Provinz haben sie geholfen, Kiefern zur Wiederaufforstung einiger Berghänge zu pflanzen. Im Gegenzug dazu haben sie Apfel- und Pfirsichbäume für ihre Gärten erhalten. Ziel des Kurses war es, die Pflanzungen zu begutachten und Ratschläge zu geben, wie sie verbessert werden könnten.

Am ersten Tag trafen wir nach ca. einer halben Stunde Fahrt ab Tapacarí-Dorf am Ort des ersten Kurses ein. Wir wurden schon von einigen Bauern und Bäuerinnen erwartet und gemeinsam stiegen wir von der Straße um die 200 Höhenmeter in Richtung Fluss zu einer Obstparzelle ab. Insgesamt nahmen ungefähr 45 Personen aus 4 verschiedenen Gemeinden am Kurs teil, von denen etwas mehr als die Hälfte Männer waren. Das Team bestand aus drei Angestellten der Provinzverwaltung und Noemi Stadler-Kaulich als Expertin in Agroforstsystemen. Der Kurs dauerte ca. drei Stunden und wurde zum großen Teil auf Quechua abgehalten. Die Ausführungen von Noemi auf Spanisch wurden übersetzt.

Am Nachmittag fand eine Besichtigung der neugebauten Baumschule in Tapacarí-Dorf statt. Zur Anschauung wurden auch auf dem Vorplatz Obstbäume gepflanzt. Dort fand der zweite Kurs mit anderen Gemeinden statt. Zu diesem kamen jedoch nur ca. 10 Personen, wodurch er auch kürzer ausfiel und nach einer Stunde wieder beendet war.

Der zweite Kurstag begann mit einer zweistündigen Fahrt an den Rand der Provinz. An einem Flussufer, der die Grenze zum Department La Paz bildet, trafen wir die BewohnerInnen verschiedener Gemeinden. Knapp 30 Personen, davon fünf Frauen, nahmen an diesem Kurs teil, der wiederum in einer Obstparzelle eines Teilnehmers stattfand. Der Kurs dauerte insgesamt drei Stunden und endete mit einem gemeinsamen Essen, bei dem alle gekochte Kartoffeln, Bohnen und Reis miteinander teilten.

Besprochene Themen:

  • Vorteile von Agroforst: der Nutzen von Begleitbäumen zwischen Obstbäumen
  • Baumschnitt
  • Schutz der Parzelle vor Wind und Erosion: lebendige Zäune, Terrassierung durch kleine Steinmauern
  • Schädlinge (Insekten, wilde Meerschweine)
  • Nutzungskonflikte: wie man das Vieh davon abhalten kann, in der Obstparzelle herumzulaufen
  • Größe der Pflanzlöcher
  • Konkurrenz zwischen Obst- und Begleitbäumen
Eine der Obstparzellen, die die Familien angelegt haben und anhand derer der Kurs abgehalten wurde

Die Kursmethodik
Ziel des Kurses war, den Bauern und Bäuerinnen die grundlegenden Prinzipien von Agroforst anschaulich zu erklären und ihnen so Möglichkeiten für ein zusätzliches oder gesteigertes Einkommen durch den Verkauf von Früchten zu bieten. Angepasst an das niedrige Bildungsniveau der TeilnehmerInnen wurde mit Beispielen vor Ort und einprägsamen Vergleichen gearbeitet.

  • Bäume-Aufstellung
    Je eine Person kniet an einer Ecke eines 4×4 Meter-Quadrats. Sie werden gefragt: „Stellt euch vor, ihr seid kleine Obstbäume. Alleine, Wind und Sonne ausgesetzt. Wie fühlt ihr euch?“ Nach und nach werden Personen als Begleitbäume dazwischen gestellt. Diese wachsen schneller und geben den Obstbäumen Schatten und Windschutz. Über die Wurzeln können die Bäume kommunizieren, der Abstand zwischen den einzelnen Bäumen ist jetzt nicht mehr so groß wie vorher.
  • Vergleich kleine Bäume – kleine Kinder
    „Kleine Bäume sind wie kleine Kinder. Würdet ihr eure Kinder alleine lassen? Genauso wie wir uns um unsere Kinder kümmern, müssen wir uns auch um unsere Bäume kümmern“
  • Komplexe Themen wurden auf einfache Merksätze heruntergebrochen:
    • Bäume brauchen Nährstoffe aus dem Boden, um wachsen zu können: „Ein Apfelbaum, der nichts zum Essen bekommt, wird keine Früchte geben. Ein Pfirsichbaum, der…“
    • Die Kreisläufe vor Ort sollten möglichst geschlossen sein: „Es ist wichtig, dass alles am selben Ort bleibt“
    • Erklärung der Interaktion von Obst- und Begleitbaum (auf die Frage hin, ob es nicht zu einer Konkurrenzsituation kommt): „Der Molle kocht das Essen für den Apfelbaum. Wir helfen uns: ich esse Früchte, du isst Fleisch, wir haben verschiedene Bedürfnisse, es gibt keine Konkurrenz.”
    • Mulchen: es ist wichtig, dass im Umkreis des Baumes der Boden bedeckt ist, um die Evaporation zu vermindern und dem Boden gleichzeitig Material zum Humusaufbau zu geben: „Wenn wir schlafen, wollen wir auch warme Füße haben“. Daraus wurde die Aufforderung, die Füße der Pflanzen zu bedecken abgeleitet.
  • Umsetzung der Vorschläge an Ort und Stelle
    Gemeinsam wurde eine kleine Mauer zur Terrassierung gemacht. Noemi hat die Probe gemacht: eine Hand voll Steine auf den Boden fallen lasse, sie wurden von der Mauer aufgehalten. Genauso wird die Mauer die Erde aufhalten, wenn es stark regnet.
Kursmethodik: mit dem arbeiten, das vor Ort vorhanden ist
Kursmethodik: Bäume-Aufstellung

Beobachtungen

  • Immer wieder wurde der Vergleich zwischen Menschen und Pflanzen hergestellt. Das Leben der Menschen kennen wir, ist uns vertraut. –> Durch den Vergleich mit etwas Bekanntem sind neue Dinge schnell verständlich und einprägsam.
  • Oft haben die beiden Mitarbeiter der Provinz nicht nur Noemis Aussagen aus dem Spanischen ins Quechua übersetzt, sondern zu zweit in ihren eigenen Worten nochmal ausgeführt und wiederholt. –> Denn in der Kultur der Quechua zeigt sich die Bedeutung einer Aussage anhand der Häufigkeit der Wiederholungen.
  • Es wurde immer wieder direkt der Besitzer der Parzelle oder andere Personen angesprochen, gefragt. –> Durch direktes Einbinden wird versucht, das Verständnis für und die Beschäftigung mit dem Thema zu stärken.
  • Es wurde nie Befehle oder Anweisungen gegeben, sondern immer nur Vorschläge und Ideen gebracht, wie sie ihre Obstpflanzungen verbessern könnten. Es wurde auch ausdrücklich gesagt, dass es sich um Vorschläge handelt: „Das sind gut gemeinte Beobachtungen! Es ist keine Verpflichtung, es sind Vorschläge. Es hängt von jedem einzelnen ab. “ –> Aus Respekt vor ihren Bemühungen und ihrem Wissen und um die Bauern und Bäuerinnen nicht zu verärgern.
  • Noemi hat die Bauern und Bäuerinnen öfters gelobt, sie bestärkt und auf ihre Vorfahren verwiesen: „Ihr habt schon das ganze Wissen, es fehlt nur die Anwendung!“ Die Mitarbeiter der Provinz haben appelliert, dass sie alle möchten, weiterhin hier als Bauern und Bäuerinnen leben zu können. Auch Verkaufsmöglichkeiten wurden aufgezählt: “Wir können hier besser leben als in der Stadt!“ „Die Menschen, die hier leben, müssen nicht arm sein!” (Noemi) –> Es wurde versucht, sie in ihrer Lebensweise und ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Es wurde von Seiten der Provinzverwaltung auch gesagt, dass deren Ziel ist, die Abwanderung, vor allem in die Stadt, zu bremsen.

Was ich gelernt habe

  • Es ist breites Wissen über die Kultur notwendig, um sich in einem Kurskontext wie diesem angemessen verhalten zu können und um das Ziel, die Weitergabe von Wissen, zu erreichen.
  • Die Menschen müssen einen wirtschaftlichen Nutzen in ihren Bemühungen sehen, nur dann werden sie bereit sein, sie umzusetzen und Agroforst anzuwenden.
  • Spontan sein! Wir wussten kaum, was uns erwartet, als wir in Tapacarí ankamen. Es ist also notwendig, spontan auf die Gegebenheiten vor Ort und die Erwartungen der Menschen einzugehen. Man arbeitet mit dem, was vor Ort vorhanden ist: Pflanzenarten, Boden, Wissen. („Die erste Frage ist: was gibt es vor Ort? Die nativen Pflanzen zeigen uns, wie der Boden beschaffen ist.“)
  • Die Menschen immer mit großem Respekt behandeln, ihr Wissen und ihre Geschichte wertschätzen. Sensibel mit dem kolonialen Kontext umgehen.
  • Klar und deutlich sein in den Ausführungen, einfache, merkbare Sätze oft wiederholen.
  • Im Gespräch mit den Verantwortlichen und Projektleitern gibt es die Möglichkeit, direkter Dinge anzusprechen, neue Ideen einzubringen und zu versuchen, etwas zu bewegen.
Kursmethodik: Ideen vor Ort umsetzen (hier der Bau einer kleinen Steinmauer zur Terrassierung)


How to get a Visa in Bolivia: Ein Erfahrungsbericht

18. Oktober 2019

Um mich legal knapp ein Jahr in Bolivien aufhalten zu können, musste ich ein Visum beantragen – soweit so gut. Also machte ich mich letzten Dienstag bald in der Früh auf die 1,5 bis 2stündige Fahrt in die Stadt nach Cochabamba in die „Migración“, sozusagen die Behörde für alle Ausländer und Ausländerinnen. Im Nachhinein betrachtet war ich wohl etwas zu optimistisch. Ich dachte nämlich ich gehe dahin, die schauen sich meinen Pass an, ich muss irgendeine Summe bezahlen, die geben mir einen Stempel rein und fertig. Dem war leider nicht so – aber der Reihe nach.

Dienstag: Ankommen bei der Migración – Schlange stehen – drankommen – dem Portier mein Anliegen erklären: nach einem kurzen Blick in meinen Pass reicht er mir einen Zettel mit einer langen Liste an Dokumenten, die ich brauche. Perplex stehe ich wieder draußen und studiere den Zettel. Ich habe viele Fragen und so schnell will ich mich nicht abwimmeln lassen, also wieder: Schlange stehen – drankommen. Der Portier ist geduldig und beantwortet mir meine Fragen. An der Sachlage ändert das aber leider nichts, ich komme an dem Portier heute leider nicht vorbei. Also geht’s weiter in ein Internetcafé. Nach kurzer Recherche weiß ich, wohin mich mein nächster Weg führt: zum INSO, dem Instituto Nacional de Salud Ocupacional, sozusagen dem Gesundheitsamt für die arbeitende Bevölkerung. Von denen brauche ich eine Bestätigung. Dort angekommen – zum Glück keine Warteschlange – anklopfen – wiedermal mein Anliegen erklären. Es wiederholt sich dasselbe Schauspiel wie vorher in der Migración: nach ein paar Sätzen werde ich wieder hinauskomplimentiert: auf der Außenseite der Tür stünden alle Informationen. Etwas verwirrt studiere ich also die Informationen, mit vielen offenen Fragen klopfe ich dann aber noch einmal an. Auch die Ärztin ist zum Glück geduldig und erklärt mir alles. Die Schlussfolgerung: ich kann heute nicht mehr viel ausrichten, ich muss morgen Früh wiederkommen und zwar nüchtern, mit einer Urinprobe im Gepäck und einer Bestätigung, dass ich für die notwendigen Untersuchungen bezahlt habe. Also geht’s weiter zur Apotheke, Probecher kaufen – Bankomat, Geld abheben – Bank, überweisen und das war’s dann auch für heute.

Mittwoch: Nachdem ich grausam früh aufgestanden bin, stehe ich um halb 8 wieder vor dem Gesundheitsinstitut. Die folgenden drei Stunden bestehen hauptsächlich aus Warten. Dazwischen wird mir Blut abgenommen, ich gebe meine Urinprobe ab, ein Röntgen wird von meinem Brustkorb gemacht und ich muss ein paar Fragen zu meiner Gesundheit beantworten. Es ist außerdem spannend, mal ein bolivianisches Krankenhaus von innen zu erleben und besonders angenehm, dass ich dabei nicht krank bin. Weiter geht’s wieder zur Migración: einige Fragen sind doch noch offen. Diesmal schaffe ich es am Portier vorbei und bekomme eine Wartenummer. Endlich dran, lege ich der Dame am Schalter meine Papiere vor: dieses fehlt, jenes auch, hier brauche ich das Original, hier auch – dankenswerterweise schreibt sie mir eine Liste.

Freitag: Ich bin ich wieder in der Stadt um mein Gesundheitszertifikat abzuholen (Glück gehabt, ich bin gesund!). Wieder zur Migración – Nummer ziehen – warten. Ich bin überzeugt davon, dass ich diesmal alles beisammenhabe und nehme das Warten gelassen hin. Irgendwann bin ich endlich dran, ein Herr hinterm Schalter studiert diesmal meine Papiere. Schnell erklärt er mir, dass es ein Problem gebe: hier hat eine andere Person unterschrieben als dort und das fehle mir auch. Ich versuche es ihm zu erklären, argumentiere, verweise auf die Liste, die ich zwei Tage zuvor erhalten habe. Schließlich schaltet sich auch die Beamtin, die eben diese Liste verfasst hat, ein. Es nützt alles nichts, niedergeschlagen stehe ich wieder draußen – ich muss noch einmal kommen.

Montag: 3. Besuch bei der Migración. Wieder: Schlange stehen – Nummer ziehen – warten. Ich bin zum Glück früh dran und sitze bald einer dritten Person gegenüber, die meine Papiere studiert und: wiederum findet sie ein Problem: hier steht etwas anderes als dort und das darf nicht sein. Ich bräuchte nur noch dieses eine Papier, eine Kopie würde reichen. Gut, ich lasse mich nicht entmutigen, gehe raus, telefoniere: Ernüchterung, meine Organisation hat das gefragte Papier nicht. Ich gehe also wieder rein, erkläre die Situation. Ich bin entschlossen – heute will ich nicht wieder ohne Ergebnis nach Hause fahren. Die Dame hinter dem Schalter ist ratlos, also schickt sie mich einen Stock höher in das Büro ihres Vorgesetzten. Noch einmal erkläre ich meine Situation. Wir diskutieren und schließlich bekräftigen wir mit Handschlag das Ergebnis: ich muss ein bestimmtes Dokument schreiben, aber es reicht, wenn ich heute eine Kopie der Unterschrift habe. Also wieder ins Internetcafé – das Dokument schreiben – telefonieren – warten. Ich bin megafroh, dass die Chance, heute doch noch zu meinem Visum zu kommen, noch am Leben ist. Während dem Warten beobachte ich die Müllabfuhr. Sie hat ein Megafon auf dem Dach, aus der ein Song tönt, der die Leute auffordert, ihren Müll nicht auf die Straße zu werfen, sondern zu sammeln und der Müllabfuhr zu übergeben. Irgendwann hat auch dieses Warten ein Ende, wieder ins Internetcafé, ausdrucken, wieder in die Migración. Die Beamtin von vorher nimmt mein Dokument entgegen und verschwindet nach oben in das Büro ihres Vorgesetzten. Klappts diesmal, oder wieder nicht? Sie kommt zurück: „Toma asientito“ (Nimm Platz), die eigentliche Beantragung meines Visums kann endlich beginnen! Ein paar Minuten später stehe ich wieder auf der Straße: ich muss zur Bank, die Gebühr überweisen. Also zum Bankomaten, Geld abheben – zur Bank, Nummer ziehen – warten – Überweisung tätigen – zurück zur Migracion – ins Internetcafe, zwei Kopien von der Bestätigung machen – Nummer ziehen – warten. Da sagt mir die Beamtin, ich hätte leider Pech, sie hat nämlich die Strafzahlung vergessen, da ich schon drei Tage ohne gültiges Visum im Land bin. Also wieder zur Bank, das ganze Prozedere noch einmal. Danach hetze ich zurück zur Migración, sie schließt nämlich in zehn Minuten. Das Wartezimmer ist leer, ich komme bald dran: ein Foto wird gemacht (obwohl ich schon zwei mitbringen musste…), meine Fingerabdrücke werden genommen und das war’s: in zehn Tagen kann ich wiederkommen und meinen Pass abholen. Ich hab’s geschafft! Ziemlich fertig mache ich mich auf den Heimweg nach Combuyo.

Eine von vielen Wartenummern…

Nachtrag: Während der ganzen Warterei kam mir der Gedanke, dass es gar nicht schadet, hin und wieder mal Ausländerin zu sein, um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man zum Beispiel dem Willen der Behörden ausgesetzt ist. Ich dachte an meine syrischen und afghanischen Freunde, die in Österreich Asyl beantragt haben und auch unzählige Behördengänge hinter sich haben. Eine Seite, die ich als Inländerin an Österreich nicht wirklich kenne, hier in Bolivien als Ausländerin aber erlebe. Als ich dann den vierten Tag in der Migración war und mir das Warten schon zu viel wurde, dachte ich mir, dass es jetzt auch wieder reicht und ich schon genug Erfahrungen mit der Behörde gesammelt habe. Da musste ich wieder an meine Freunde denken. Bei mir ging es um einen Behördengang und eine Fahrt nach Cochabamba mehr oder weniger. Bei ihnen geht es darum, ob der Asylantrag genehmigt wird oder nicht – also um die gesamte Zukunft.

Feuer: das Thema bleibt

11. Oktober 2019

Hallo allerseits! Hier meldet sich Johanna, die neue Praktikantin in Mollesnejta, Bolivien. Seit 1. August bin ich nun hier und meine ersten Tage waren gleich sehr spannend, da es in unmittelbarer Nähe einen großen Waldbrand gab, der zwei Tage und zwei Nächte lang andauerte. Seitdem ist bei uns in der Gegend zum Glück kein größeres Feuer mehr ausgebrochen, trotzdem beschäftigt uns Praktikanten und Praktikantinnen das Thema und es wird an unserem Küchentisch diskutiert.
[zur Info: der Beitrag wurde erstmals am 22. August 2019 veröffentlicht]

Laut Opinión, einer Zeitung aus Cochabamba, zerstörte der Waldbrand in den Bergen über Mollesnejta 112 Hektar. „Freiwillige Feuerwehrleute, unterstützt von Gemeindemitgliedern, benutzten Zweige und Tank-Rucksäcke, die normalerweise zum Ausbringen von Herbiziden verwendet werden, um das Feuer zu löschen.“ Dieselbe Zeitung schreibt, dass es im diesjährigen Winter bis jetzt dreimal mehr Brände gab als im Winter 2018. Laut Henry Acosta, Regionaldirektor der ATB (Autoridad de Fiscalización y Control Social de Bosques y Tierra, Behörde für Überwachung und Soziale Kontrolle von Wäldern und Land), sind diese jedoch alle illegal, da das Gesetz über kontrollierte Verbrennung im Department Cochabamba nicht gilt. Als Erklärung wird der „Chaqueo“ erwähnt. Damit wird eine gängige Praxis der bolivianischen Landwirtschaft bezeichnet, bei der die Felder abgebrannt werden um über die Asche kurzfristig mehr Nährstoffe zur Verfügung zu haben. Außerdem wird so das Feld oder auch der Wald geräumt, um dann wieder Neues anpflanzen zu können. Jedoch bringt dieses Vorgehen viele Nachteile mit sich: durch die Verbrennung wird Kohlenstoff freigesetzt, der nackte Boden ist erhöhter Erosionsgefahr ausgesetzt und die Nährstoffe aus der Asche sind nach kurzer Zeit aufgebraucht. Der Nachschub ist jedoch nicht sichergestellt, da die Biomasse fehlt, über die normalerweise Nährstoffe in den Boden gelangen. Darüber hinaus verschlechtert sich die Luftqualität und es besteht große Gefahr, dass der Chaqueo außer Kontrolle gerät und zu einem Waldbrand führt, was in letzter Zeit leider oft passiert ist. Die ABT reguliert die Chaqueos, jede Brandrodung muss von ihr genehmigt werden. „Aber in Cochabamba ist es nicht üblich, um Erlaubnis zu bitten. Es gibt keine solche Kultur“, sagt Acosta, der Regionaldirektor der ABT.

Waldbrand in den Bergen über Mollesnejta 1.-3. August 2019

Die Angst vor Feuer ist also hier vor allem während der Trockenzeit allgegenwärtig. Im Märzist der letzte Regen gefallen und es wird im besten Fall bis November dauern, bis die nächste Regenzeit beginnt. Haben wir Pech, kann es auch Dezember oder Jänner werden.

Aber nicht nur hier in Cochabamba sind Waldbrände derzeit Thema, auch in anderen Regionen Boliviens und weltweit gibt es momentan heftige Brände. Bestürzt haben wir beim Abendessen die Nachrichten über die Waldbrände im Regenwald Boliviens gelesen, die seit fast zwei Wochen wüten und schon 654.000 Hektar Wald und Weideland zerstört haben. Morgen soll ein Löschflugzeug ankommen und helfen, den Brand zu löschen, den mit Regen ist nicht zu rechnen. Und wieder werden die „Chaqueos“ als Auslöser genannt.

Schlimmer noch ist es in Brasilien, wo es derzeit im Amazonas Regenwald viele Waldbrände gibt, die sich auch nach Peru, Bolivien und Paraguay ausdehnen und worüber auch die internationalen Medien berichten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Trockenheit durch die Klimakrise verschlimmert, ein Funken reicht dann, um einen Waldbrand auszulösen. Was kann man tun? Auch das haben wir am Küchentisch diskutiert. Wichtig ist, so glaube ich, dass der enorme Wert von Bäumen und Wäldern noch viel mehr Menschen verständlich gemacht werden muss, damit niemand mehr auf der trockenen Wiese oder im Wald ein Feuer entzündet.

Eigentlich sollte dieser Blogeintrag hier enden, doch während ich die letzten Zeilen schrieb, wurde ich von der Realität eingeholt: Ein Anruf erreichte Noemi, in den Bergen über uns, dort wo ein Teil des Trinkwasserreservoirs für Combuyo, unserem Dorf, liegt, wurde ein Feuer gesichtet. Wir hoffen also, dass kein starker Wind aufkommt und bleiben in Alarmbereitschaft…

schwarze, verbrannte Flecken bleiben…

PS: Da ihr in Zukunft noch öfter von mir lesen werdet, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich heiße Johanna, bin 23 Jahre alt und komme aus einem Dorf im nördlichen Alpenvorland Österreichs. Vor ein paar Monaten habe ich meinen Bachelor in Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien abgeschlossen. Bevor ich mit einem Master beginnen werde, wollte ich aber noch ein bisschen Praxiserfahrung sammeln. Mein Interesse gilt der nachhaltigen Landwirtschaft, Internationaler Entwicklungszusammenarbeit und allen möglichen Projekten, Strategien und Ideen, die versuchen, die Klimakrise zu stoppen. Da ich vor meinem Studium schon ein Jahr in Ecuador als Volontärin in einem Sozialprojekt für benachteiligte Kinder und Jugendliche verbracht habe, zog es mich wieder nach Südamerika. Glücklicherweise fiel mir eines Tages auf der Uni ein Zettel mit der Ausschreibung für ein Agroforst-Praktikum in Bolivien auf  – und so bin ich nun in Mollesnejta gelandet und werde die kommenden 10 Monate hier leben, arbeiten und lernen und euch auch immer wieder daran teilhaben lassen.

Mehr Infos über Mollesnejta gibt es hier: www.mollesnejta.org
Und auch auf Facebook: https://www.facebook.com/mollesnejta/