Durch meine Augen – ein Rückblick auf die vergangenen Monate

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Ich komme bei -3 Grad Anfang Oktober in La Paz, der höchstgelegendsten „Hauptstadt“ (ich werde darauf zurückkommen) der Welt, an. Der Schnee überrascht mich komplett, es ist eisig kalt und die offenen Busfenster tun ihr übriges, dass die 8 stündige Busfahrt nach Cochabamba (inzwischen nur noch Cocha) nicht zur angenehmsten Anfangserfahrung in Bolivien wird. Ich wohne zunächst bei einer Bekannten in Montecato, einem sehr ländlichen gelegenen Dorf hinter der Ortschaft Vinto, ca. 20km von Cochabamba. Da die Fahrt ins Büro mit den Kleinbussen ins Büro von AGRECOL allerdings fast 1,5 Stunden dauert und mit bis zu 20 Menschen im Kleinbus und einer für Bolivien untypischen Körpergröße nicht gerade angenehm ist, ziehe ich nach guten 4 Wochen mitten ins Herz von Cochabamba.

Die Stadt

Cocha ist für mich eine sehr besondere Stadt, auch im Vergleich zu allen anderen bolivianischen Städten, die ich bisher kennen gelernt habe. Es ist eine moderne Stadt, eine alternative Stadt, eine Stadt in Bewegung, eine Stadt mit einer kritischen, aufgeklärten Zivilgesellschaft und gleichzeitig sind die Traditionen im öffentlichen Leben nicht wegzudenken. Bankenviertel und Verkehrschaos treffen auf Tanzgruppen, fliegende Händler und unzählige verschiedene Sprachen und Bevölkerungsgruppen, welche an ihrem traditionellen Kleidungsstil erkennbar sind. Bolivien ist mit mehr als 60% indigener Bevölkerung und 37 offiziell anerkannten indigenen Bevölkerungsgruppen das Land in Lateinamerika mit dem höchsten indigenen Bevölkerungsanteil und einer unheimlichen kulturellen Vielfalt. Da Stadt- und Landleben in Cochabamba (im Jahre 2000 übrigens Schauplatz des „Wasserkriegs“ gegen die vom IWF erzwungene Privatisierung der städtischen Wasserversorgung durch den nordamerikanischen Multi Bechtel) scheinbar verschmelzen, sprechen viele Menschen in der Stadt und auch bei der Arbeit auf dem Land komme ich mit meinem Spanisch oft kaum weiter. Ich versuche mich an Quechua, doch die Aussprache ist schwierig, die Dialekte vielseitig und ich verzeichne leider kaum Fortschritte.

Das Land

Seit Bolivien hat sich meine Vorstellung von Landleben extrem verändert. Fährt man von Cocha aus in Richtung Süden, lässt man auf dem Weg die Großstadt, den Verkehr und den Lärm hinter sich und schnell muss man nach größeren Siedlungen suchen. Die Dörfer sind dispers, die einzelnen Häuser befinden sich oft mehrere Stunden Fußweg auseinander. Während meiner Arbeit in der NGO AGRECOL Andes, welche sich der ökologischen Landwirtschaft in den ländlichen Gebieten „um“ Cochabamba verschrieben hat, habe ich die Möglichkeit, diese Dörfer und ihre Bewohner*Innen kennenzulernen.

Die Arbeit

Ich besuche vor allem Workshops und Fortbildungen in ökologischer Landwirtschaft. Dies ermöglicht den Bäuerinnen und Bauern, deren Situation immer schwieriger wird, nachhaltig zu wirtschaften, sodass auch die zukünftigen Generationen noch Landbau auf diesem Boden betreiben können. Themen sind beispielsweise die Herstellung von Biodünger, Schutzmaßnahmen gegen Bodenerosion oder der Transformationsprozess von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft. Immer mehr haben die Bäuerinnen und Bauern jedoch mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen. In diesem Jahr ist die Situation besonders dramatisch. Durch das Wetterphänomen El Nino kämpft die Region mit extremer Trockenheit oder extremen Starkniederschlägen, was die Ernährungssicherheit für das kommende Jahr extrem beeinträchtigen wird. Außerdem habe ich eng mit zwei Ernährungsberaterinnen zusammen gearbeitet, mit welchen in ein Fortbildungsprogramm zum Thema Ernährungssouveränität und gesunde Ernährung erarbeitet und durchgeführt habe. Die Fortbildungen waren super gut besucht, die Teilnehmenden hoch motiviert und ich überwältigt von der Tatsache, dass einige Tagesmärsche auf sich genommen haben, um an den Fortbildungen teilzunehmen. Die Gruppe hat sich nun organisiert, Vertreter gewählt und eine sogenannte OECOM gegründet (Organización Económica Comunitaria, etwa: Gemeinschaftliche wirtschaftliche Organisation). Ihr Ziel ist es, die von ihnen produzierten Lebensmittel zu transformieren (etwa in Marmelade, Kekse, o.ä.) und einen ökologischen Markt zu gründen, auf welchem sie diese verkaufen können. Diese Prozesse unterstützt AGRECOL auf administrativer Ebene. Beispielsweise gibt es Mitarbeiter*Innen, die sich um die staatliche Anerkennung der Bio-Produkte kümmern, sodass diese auf den Ecoferias (Ökomärkten) verkauft werden dürfen, die in den vergangenen Jahren in verschiedenen Städten in Bolivien etabliert wurden und eine sichere Einkommensquelle für die Bäuerinnen und Bauern darstellen, ohne, dass sie ihr Land verlassen und ihre Traditionen aufgeben müssen. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings im Büro in Cochabamba und erarbeite einen Methodenkoffer mit verschiedenen Bildungsmaterialien und Methoden, welche für die Fortbildungen auf dem Land angewandt werden sollen. Außerdem gibt es immer wieder Messen, Planungstreffen oder Veranstaltungen wie z.B. die Klimademo vor COP21, die ich mit meinen Kolleg*Innen besuche.

Pachamama und das „gute Leben“

Ich wäre gerne in der Lage, über diese Themen tiefgründig und neutral zu berichten, denke aber, dass diese Rede von Evo Morales auf der UNO-Vollversammlung ganz gut zum Ausdruck bringt, was ich nicht in Worten beschreiben kann. Nämlich die tiefgreifende Überzeugung, dass Pachamama (die Mutter Erde), das höchste Gut ist, was es zu beschützen gilt. Sumak kawsay (quechua), suma quamana (aymara), buen vivir oder das vivir bien sind Lebenskonzepte, die aus den andinen Gebieten Lateinamerikas (Ecuador und Bolivien) stammen und als Reaktion auf die westliche, kapitalistische und extraktivistische Lebensweise zu verstehen sind. Die Weltanschauung basiert auf einer materiellen, sozialen und spirituellen Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft, jedoch nicht auf Kosten anderer Mitglieder und nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen. Unter Morales (Bolivien) und Acosta (Ecuador) fand diese Weltanschauung auf politischer Ebene Einzug in die Verfassungen der beiden Länder. Ich denke, durch die Rede Morales wird das Konzept etwas klarer.

Euch, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich sagen, dass wir im „Vivir bien“ solidarisch und uns gegenseitig ergänzend leben, und zwar nicht nur solidarisch unter den Menschen, sondern wir leben auch in Harmonie mit der Mutter Erde.

Für uns soziale Bewegungen, insbesondere die Indigenen Bewegung, geht es um die Mutter Erde.

Wir sind davon überzeugt, dass der Mensch nicht ohne die Mutter Erde überleben kann, aber die Mutter Erde kann besser ohne den Menschen existieren.

Sicherlich werden das viele nicht einsehen, aber ich möchte euch auch sagen, dass bei dieser Lebensweise die grundsätzliche Daseinsvorsorge kein Privatgeschäft sein darf. Das ist unsere große Erfahrung. In Bolivien waren die grundsätzlichen Dienstleistungen der Daseinsvorsorge auch privatisiert, das Wasser war privatisiert, die Energieversorgung war privatisiert, der elektrische Strom war privatisiert, das Fernmeldewesen war privatisiert, aber per Verfassung haben wir entschieden, dass die Basisdienstleistungen ein Menschenrecht sind und niemals ein Privatgeschäft sein dürfen, denn wir sagen, dass das Wasser Leben bedeutet.

Aber ich möchte euch auch sagen, dass wir bei dieser Art des „Vivir bien“ davon überzeugt sind, dass die natürlichen Ressourcen niemals Ausländern oder den transnationalen Konzernen gehören dürfen. […]  Stellen Sie sich vor, wie viel Geld man uns in Bolivien mit dem neoliberalen Modell unter imperialer Herrschaft geraubt hat. Von 300 Millionen im Jahre 2005 auf 5,6 Milliarden Dollar für ein Land mit zehn Millionen Einwohnern – das sind ganz wichtige ökonomische Mittel für die wirtschaftliche Befreiung.

Deshalb sind wir davon überzeugt, dass die natürlichen Ressourcen den Völkern gehören müssen und unter Verwaltung des Staates stehen sollten, das ist unsere Erfahrung, auf diese Art und Weise haben wir uns ökonomisch befreit. Deshalb möchte ich euch, liebe Schwestern und Brüder, sagen, dass wir nicht an den Kapitalismus glauben.

Weshalb die Interventionen in anderen Ländern? Um sich der natürlichen Ressourcen zu bemächtigen und um danach das Kapital weiterhin in wenigen Händen anzuhäufen.

Zweitens möchte ich euch in diesem Moment sagen, dass wir eine ungeheure Verantwortung haben, und zwar hinsichtlich des Themas Umwelt im Dezember dieses Jahres in Paris, in Frankreich.

Es wäre wichtig, dass wir Präsidenten dort Vorschläge unserer Völker vorlegten, zumindest ist das meine Auffassung, meine Schwestern und Brüder in Bolivien zu befragen, eine Politik, Programme und Projekte voranzubringen, um die Mutter Erde, oder wie im Westen gesagt wird, den Planeten Erde, zu kurieren und zu heilen.

Wenn wir uns dieser Verantwortung, die Mutter Erde zu retten, nicht stellen, sind wir verantwortlich für das Schicksal der zukünftigen Generationen.“

Auszug aus der Rede des Präsidenten des Plurinationalen Staates Bolivien, Evo Morales, auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 28. September 2015

4.11.2015  https://amerika21.de/print/136062 2/4

 

Evo Morales– „Soziale Bewegungen sind keine Terroristen“

Ich gebe zu, ich verfolge kaum die deutschen Nachrichten und wenn, dann suche ich vergeblich nach Nachrichten über Lateinamerika. Vor einigen Wochen gab es einen kleinen Bericht über Costa Rica in der Stuttgarter Zeitung. Er handelte von einem sprechenden Papageien, der eine Familie vor einem Feuer gewarnt und somit ihr Leben gerettet hat. Nicht, dass es nicht wichtig wäre, dass diese Familie dem Brand überlebt hat; dennoch. Ernsthaft?

2015 besucht Evo Morales, der Präsident des seit ihm offiziellen Plurinationalen Staates Boliviens und Symbolfigur der Linken in Lateinamerika Deutschland. Die deutsche Presse interessiert dies kaum. Dabei können wir so viel von dieser spannenden Politik, die ich, und das möchte ich betonen, ganz und gar nicht kritiklos hinnehme, lernen. Vom Volk, welches sich strikt in Befürworter*Innen und Gegner*Innen seiner Politik teilt, wird der erste indigene Präsident Lateinamerikas nur bei seinem Vornamen „Evo“ genannt. Nach langer Zeit der Unterdrückung, nicht nur der indigenen Bevölkerung, wird er nach seinem Wahlsieg 2006 Hoffnungsträger der Linken eines ganzen Kontinents. Er wehrt sich erfolgreich gegen Einflüsse von Weltbank, IWF und WTO, gegen die von den USA diktierte Privatisierung des Wassers, bekämpft die Armut in vielen Teilen des Landes, führt verschiedene Sozialprogramme durch und besteuert die Reichen. Mit dem Konzept des „plurinationalen Staates“ sollte verschiedenen Bevölkerungsgruppen das Ausleben ihrer Kultur ermöglicht werden. Da passt es kaum ins Bild, dass der scheinbar so antikapitalistische und antineoliberalistische Präsident bei seiner Deutschlandreise im November 2015 mit großen deutschen Firmen Verträge abschließt, um den Bergbau in Bolivien voranzutreiben und Lithium in der einzigartigen Salzwüste von Uyuni zu fördern. Diese zunehmend extraktivistische Politik bringt in Bolivien indessen zahlreiche indigene Gruppierungen und Organisationen auf die Barrikaden, die ihre Gemeinden und Lebensräume bedroht sehen. Das Versprechen des Präsidenten, die andine Lebensweise der verschiedenen indigenen Völker zu respektieren, im Einklang mit der Natur, dürfte für die viele Bolivianer*Innen inzwischen verblasst sein.

Unterwegs

Zum Abschluss möchte ich euch noch einen kleinen Eindruck von meiner Reisewoche durch Bolivien geben, zu welcher ich im Dezember 2015 die Möglichkeit hatte. Zunächst fahre ich von Cochabamba nach Sucre – und nun komme ich auf das die bolivianische Bevölkerung ebenfalls spaltende Hauptstadtthema zurück. Sucre ist die konstitutionelle Hauptstadt von Bolivien und Sitz des obersten Gerichtshofs des Landes. Die junge Stadt, die sehr von universitären Leben beeinflusst zu sein scheint, hat viele Namen. Gegründet als Ciudad de la Plata (Stadt des Silbers), ist sie seit 1839 nach dem revolutionären Führer Antonio José de Sucre benannt. La Plata profitiert während der Kolonialzeit wirtschaftlich von seiner Nähe zu Potosí und fungiert als kulturelles, administratives und religiöses Zentrum. Potosí ist das nächste Ziel auf meiner kleinen Reise, genauer gesagt die Silbermine „Cerro Rico“, welche in der Geschichte des Landes, des Kontinents und auch für Europa während der Kolonialzeit von großer Bedeutung ist. Der Berg und seine Schätze machen Potosí, mit fast 4100 Metern über dem Meeresspiegel eine der höchstgelegenen Städte der Welt, zur wertvollsten Beute der spanischen Eroberer. Unter unvorstellbaren Bedingungen wurden in diesem Berg die natürlichen Ressourcen für den europäischen Reichtum ausgebeutet. Der Berg ist eine bleibende Erinnerung an ihre finstere Vergangenheit. Heute gibt es rund 11.000 Bergarbeiter, knapp tausend davon sind Kinder, manche nicht älter als zwölf Jahre. Mit durchschnittlich 50 Jahren sterben die Arbeiter an einer Staublunge. Die Arbeitsbedingungen und die Abbaumethoden haben sich kaum verändert, seit im Jahr 1545 Silber im Cerro Rico entdeckt wurde. Die Bergarbeiter bauen jetzt andere Rohstoffe ab: Zinn, Kupfer, Zink und Blei. Der größte Teil der Silbervorräte war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgebeutet. Ich habe eine Tour ins Innere des Stollens gemacht. Ich habe lange überlegt, ob ich eine solche Tour mitmachen soll. Der Geruch und die giftigen Dämpfe sind kaum aushaltbar, die Luft dünn, die Gänge eng und ich kein Fan von „Armutstourismus“. Ich wollte die Realität im Inneren des so bekannten Silberberges dennoch sehen und schließe mich einer der Touristentouren an. Wir bringen Cocablätter und puren Alkohol, um sie dem „Tio“, dem Beschützer der Mine zu opfern, bevor es ins Innere des Stollens geht. Inszenierung? Für uns ja, für die Bergarbeiter jedoch der einzige Schutz, welchen sie im Inneren des ausgehöhlten Bergs erwarten können.

Und stört es die Bergarbeiter, angeschaut zu werden wie Tiere im Zoo?, „Nein“, sagt Don Leonardo, der seit 20 Jahren in den Minen arbeitet, und nimmt sich eine Handvoll Kokablätter. „Es freut mich, dass sie unsere Realität sehen“, fügt Don Mario hinzu. Er meißelt gerade ein Loch in die Wand, um ein Zinnflöz aufzusprengen. „Es ist kein gewöhnlicher Trip in ein Museum.“

Der letzte Stopp meiner kleinen Reise war die Salzwüste Uyuni, einen der atemberaubendsten Orte, die ich bisher gesehen habe und ein Reichtum von unschätzbarem Wert, welcher vielleicht bald für den Lithiumabbau geopfert werden wird.

Vielen Dank für Euer Interesse.

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